Die Geschichte der großen Orgel in St. Marien

Die ursprünglich von Johann Georg Stein stammende Orgel aus dem Jahre 1756 stand vor der jetzigen, damals noch nicht existierenden Brüstung der Orgelempore, also im Mittelschiff. Die Orgel wurde im 19. Jahrhundert von Altendorf und Rohlfing zum Teil verändert. 1902 wurde von Röver unter Verwendung des alten Pfeifenwerkes und des alten Orgelprospektes eine neue pneumatische Orgel in dem neu gebauten Turmgewölbe errichtet. Die Gründe für die Versetzung des Instumentes waren zum einen der Platzbedarf für große oratorische Aufführungen und zum anderen der Bau von Seitenemporen im Mittelschiff. 1951/54 wurde die Orgel "barockisiert", mit gravierenden Veränderungen am Pfeifenwerk.

1960 - 66 baute die Orgelbauwerkstatt Karl Schuke aus Berlin unter Verwendung des alten Orgelprospektes aus dem Jahre 1756 in der St.-Marien-Kirche Uelzen eine neue dreimanualige Orgel mit 40 Registern. Hierbei wurde, gestützt von den Sachverständigen und bestätigt durch weitere Kostenangebote anderer Orgelbaubetriebe, die grundsätzliche Entscheidung getroffen, das alte immer wieder veränderte Pfeifenwerk nicht wieder zu verwenden.

altDie Orgel blieb an der Stelle im Turmgewölbe, wurde aber einen Meter höher gebaut mit neuen Sockeln für die Pedaltürme. Das Prospektteil des Brustpositives wurde herausgelöst und daraus ein Rückpositiv errichtet. In den Bereich über dem Spieltisch wurde ein Brustwerk integriert ohne Prospektgestaltung. Die klangliche Konzeption orientierte sich an den Vorbildern norddeutscher barocker Orgelbauer.

1997 wurde die Entscheidung getroffen, auf Grund zunehmender technischer Defekte und der als starr empfundenen neobarocken Konzeption mit ihren begrenzten klanglichen Möglichkeiten, umfangreiche Orgelarbeiten durchzuführen. Ein Konzept wurde entwickelt, das unter Berücksichtigung des vorhandenen Pfeifenwerkes ebenso Grundzüge der ursprünglichen spätbarocken Orgel von Stein beinhaltet wie eine Erweiterung mit den sich daraus entwickelnden Attributen der deutschen Orgelromantik. Gleichzeitig sollte der Orgelprospekt restauriert und in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. 1999 wurde der Auftrag an den Orgelbaubetrieb Hermann Eule in Bautzen vergeben. Den Zuschlag für die Restaurierung des Orgelprospektes erhielt der Betrieb Wolfram Kummer aus Pattensen.

Als Ergebnis ist ein Werk entstanden, das im Hauptwerk und Brustpositiv die klanglichen Möglichkeiten der spätbarocken mitteldeutschen Orgel widerspiegelt und mit dem Bau des Schwellwerkes die Brücke zur deutschen Orgelromantik schlägt. Auf neuen Pedalladen für das Großpedal fanden, wie schon bei Stein, unter anderem Untersatz 32´, Holzposaune 16´ und Violine 16´ Platz. Von den 40 Registern der Schuke-Orgel wurden 23 übernommen, 30 Register wurden von Eule neu gebaut. Die Spieltischgestaltung fügt sich nunmehr wieder in das Erscheinungsbild des kostbaren Prospektes ein: Der Spieltisch ist mit Kirschbaum belegt, die Registerzüge sind aus Nussbaum und die von Hand beschrifteten Manubrien aus Porzellan gefertigt.

Die Registeranlage ist elektrisch. Dem Organisten steht eine Setzeranlage mit 256 Kombinationen zur Verfügung und zusätzlich ein Diskettenlaufwerk zum Speichern der Setzer. Über einen Midi-Anschluss besteht die Möglichkeit, einen PC anzuschließen.

Als "Extras" verfügt die Orgel über eine Crescendowalze für den Organisten und eine für den Registranten. Das Schwellwerk kann vom Organisten mit einem Schwelltritt oder vom Registranten mit einem Schwellzug geöffnet und geschlossen werden. Im Schwellwerk befindet sich eine Celesta, die von allen Manualen angespielt werden kann. Das Pfeifenwerk ist im Schwellwerk bis g ´´´´ ausgebaut, damit die Superkoppel III, die auch getrennt vom Hauptwerk und Brustwerk aus spielbar ist, bis zum höchsten Ton wirksam werden kann.

altDie Restaurierung des Prospektes beinhaltete die Freilegung der originalen Farbschicht mit der Marmorierung und die Retuschierung der Fehlstellen. Das mit Blattgold und Silber belegte Schnitzwerk wurde ebenfalls von Farbschichten befreit, freigelegt oder neu vergoldet. Als Vorgabe dienten die Beschreibung der Stein-Orgel in einer Festschrift zur Einweihung der Orgel aus dem Jahre 1756 und ein Foto aus dem Jahre 1885, das die Orgel vermutlich in ihrem Originalzustand zeigt.

Am 2. Dezember 2001, auf den Tag genau 245 Jahre nach seiner ersten Einweihung, konnte das Instrument nach über einjähriger Bauzeit in einem Festgottesdienst und einem Konzert in seiner neuen optischen und klanglichen Gestalt eingeweiht werden.

Die Orgel der St.-Marien-Kirche Uelzen ist mit 53 Registern das größte Instrument der Lüneburger Heide. Stilistisch ist eine große Bandbreite von barocker Orgelmusik über deutsche Orgelromantik bis zu modernen Kompositionen sehr gut darstellbar. Bei Chorkonzerten und sinfonischen Konzerten wird die Orgel ebenfalls eingesetzt. Der Orgelprospekt ist der größte erhaltene des Orgelbauers Johann Georg Stein.

Die Orgel ist zu hören
- in den Gottesdiensten der St.-Marien-Kirchengemeinde,
- bei Orgelkonzerten,
- bei der "20 Minuten Orgelandacht"
  (mittwochs um 12.00 Uhr von Ostern bis Erntedank).

 


 

Lesen Sie hier auch folgende Beiträge über die große Orgel:

Disposition der großen Orgel (Schuke / Berlin 1966)

Disposition der großen Orgel (Eule / Bautzen 2001)

Aus der Allgemeinen Zeitung der Lüneburger Heide vom 08.01.1998
Einer Königin geht die Luft aus
Millionending: Die Orgel von St. Marien wird saniert

Allgemeine Zeitung, 01./02.12.2001
„Es ist eine Lebensaufgabe“
Zimbelstern und Vox humana: Orgel von St. Marien eingeweiht

Festschrift zur Wiedereinweihung der großen Orgel am Sonntag, 2. Dezember 2001:
Der Weg zum neuen Instrument
von Armin Zuckerriedel, Orgelbaumeister und Geschäftsführer der Firma Hermann Eule

 

 

von Armin Zuckerriedel, Orgelbaumeister und Geschäftsführer der Firma Hermann Eule