Rezensionen


2017


Ludwig Meinardus (1827 - 1896):
Luther in Worms
(Sonntag, 24.09.2017, 17.00 Uhr)

BK (25.09.17)

Mit Pauken und Trompeten

Oratorium „Luther in Worms“ in St. Marien großartig aufgeführt

Es war ganz großes Kino. Cinemascope sozusagen, Breitwand und Farbe. Dazu der Bonus, das musikalisch Dargebotene sich mühelos als Oper imaginieren zu können. Mit Triumphzug, dramatischen Chören, zierlichen Ensembles.

Ein bisschen Bach und „Vom Himmel hoch“ auf  den Text „Er ist das Haupt der Christenheit,/ dem sei Lobpreis in Ewigkeit!“ Ein Hauch charismatischer Troubadour á la Verdi: „Hilf, o Gott, du deinem Knechte,/ der allein auf dich vertraut.“ Oder auch eine Prise Seligkeit wie in einem Lortzing-Quartett: „Gottes Wort soll oben schweben,/ daran woll`n wir uns erheben.“

Und bevor das jubelnde Finale, der Schlusschoral im Tutti mit Kantorei, Orchester und Solisten, eine vielstimmige Modulation von „Ein feste Burg“, losbrach, verharrte das Ritardando fast so wie bei Beethovens Neunter vorm Einsetzen des gewaltigen „Freude, schöner Götterfunken“!

In St. Marien kam das im Jahr 1874 in Weimar uraufgeführte Oratorium „Luther in Worms“ zu Gehör. Sein Komponist Ludwig Meinhardus (1827 bis 1896) brachte es unmittelbar nach der Reichsgründung 1871 zu Papier. Auch wenn diese Einigung eine von oben und im Lichte des Deutsch-Französischen Krieges – der auch die Pariser Commune zusammenschießen half – war, so blieb es doch die langersehnte Einheit, die sich im Libretto als Pathos niederschlug. Den historischen Zusammenhang darf man also angesichts des oft sehr schwülstigen Textes nicht vergessen und vor allem nicht unterschätzen.

Außerdem war Martin Luther nicht der Kirchenspalter, Judenhasser und Bauernverräter, um den man nach heutigem Forschungsstand ebenfalls nicht herumkommt, sondern der Heilsbringer, der den Glauben von der Gier nach Monitärem befreien will, auf Deutsch predigt, dichtet und komponiert und: In Worms vor Fürsten und Kaiser zu diesem ehrlichen Glauben steht. Das vor allem. Deshalb singt das Oratorium dem Reformator alleinig Heil und überhöht ihn auch.

Diese Einschränkungen mindern die Leistungen der Beteiligten nicht. Eine Kantorei, die Triumph schmetterte und in leisen Passagen innig glühte. Die „Hamburger Camerata“ in großer Besetzung und mit stimmigem Drive, meist lobenswert sauberem Blech und Holzbläsern! Manchmal allerdings ziemlich prominent und zu laut.

Anna Terterjan (Sopran), Johanna Krödel (Alt), André Khamasmie (Tenor), Andreas Beinhauer (Bariton) und Konstantin Heintel (Bass) leisteten als Solisten Wunderbares.

Kantor Erik Matz dirigierte die stimmlich standfesten Sänger und das ein wenig widerborstige Orchester sicher, vermied dabei alle Klippen. Er sorgte für ein schönes Zusammengehen und für Entfaltung der Wucht dieser Noten, denen man als Zuhörer nicht entkam.

Natürlich war das (wieder insgesamt kluge) Programmheft mit dem Text des Oratoriums hilfreich, aber so ist das immer bei Unbekanntem. Man darf den Auftritt in der sehr gut besetzten St.-Marien-Kirche einen Glanzpunkt in diesem Lutherjahr nennen, mit dem Erik Matz wieder einmal bewies, dass er sich gerne jenseits ausgetrampelter Pfade bewegt.

Der Kirchenmusiker führte alle Beteiligten mit Kennerschaft und Enthusiasmus durch diese Partitur. Von der Klage auf diese Welt am Beginn – „Höret zu, ihr Könige, merket auf, ihr Völker, alle, die leben in dieser Zeit, denn es ist eine böse Zeit.“ bis zum siegreichen Ende. Der Luther von Andreas Beinhauer sang sich von Zweifel und Verzweiflung zu Zuversicht und Vertrauen in seinen Glauben; jeder Verlockung oder Bestechung widerstehend: „Sei klug, Martine, kehre um, so wird man dir wohl gar den Bischofsstab verleihn…“

André Khamasmie war zum wiederholten Male ein charismatischer Tenor mit energischer Höhe, fernab jeglicher Angestrengtheit. Die beiden Frauenstimmen, Anna Terterjan und Johanna Krödel, jede auf eigene Weise sinnlich und suggestiv. Konstantin Heintel gab die Bösewichte des Stücks sehr überzeugend.

Und die Kantorei? Trotz Krankheitswelle blieben die SängerInnen über jeden Zweifel erhaben. Starke Leistungen vor allem in den beiden Doppelchören, in denen die Anhänger Roms und Luthers miteinander fechten. Ansonsten galt wie immer das Einfühlen in Text und Ton bei vorbehaltloser Annahme dieser neuen, unbekannten Herausforderung.

Es gab langen, begeisterten Beifall für diesen Konzertabend, der über zwei Stunden dauerte. Zu den Ergebnissen der Bundestagswahl kam man danach auch noch zurecht. Wie hieß es doch im Oratorium? „Es ist eine böse Zeit.“ Trotzdem war der Tag wenigstens musikalisch mit Glanz bestückt.

Übrigens wurde in diesem Monat im Dom zu Halberstadt ein Luther-Oratorium uraufgeführt. Der Komponist Ralf Hoyer (*1950) schrieb es zu einem zehnteiligen Libretto von Kerstin Hensel (*1961). Das Duo wollte Zusammenhänge und Assoziationen zur Gegenwart herstellen und weder „eine Luther-Lobpreisung noch eine Luther-Schmähung“ machen. Ein schmaler Grat.

BARBARA KAISER


Sommerkonzerte 2017


„Barockes Italien und & Romantischer Norden"

Wieland Meinhold (Orgel)

(9. Sommerkonzert - Samstag, 26.08.2017, 16.45 Uhr)

BK (27.08.2017)

Überwiegend unbekannt

Im letzten St.-Marien-Sommerkonzert spielte Wieland Meinhold die Orgel

Vielleicht hätte Wieland Meinhold im letzten Sommerkonzert von St. Marien, zu dem er aus Weimar als Gast anreiste, bei seinem Programm bleiben sollen, das er vor neun Jahren am selben Ort spielte. Denn mit den Transkriptionen war er damals musikalisch auf der sicheren Seite, weil sich das Dargebotene wie eine Liste von Bestsellern las. Werke von Mozart, Mussorgski, Humperdinck, Wagner, Liszt und Edward Elgar hatten eifrige Musikerkollegen veranlasst, deren Noten für die Orgel umzuschreiben. Wahrscheinlich waren es immer Organisten, die sich nicht abfinden wollten damit, dass diese glänzenden Auftritte stets dem Orchester vorbehalten bleiben sollten.

So aber suchte sich Meinhold dieses Mal zunächst ein Repertoire aus dem Italien der Barockzeit. Von Antonio Vivaldi das Concerto G-Dur op. 3 (von Bach transkribiert), von Guiseppe Torelli ein kurzes Allegro - Concerto d-moll für Orgel, von Georgio Gentili ein Concerto A-Dur und von Tomaso Albinoni das Adagio g-moll. Eine erst im Jahr 1958 von dem italienischen Musikwissenschaftler und Komponisten Remo Giazotto herausgegebene und angeblich auf Fragmenten Tomaso Albinonis basierende Komposition. Streit darüber gab es, ob das stimmte.

Danach wurde es kühl nordisch: Die Dänen Niels Wilhelm Gade und Gottfried Matthison- Hansen steuerten Lieder bei. Es gab Partituren von Hallgrimur Helgason, einem Isländer, Gustav Hägg und Waldemar Ahlén aus Schweden, von Edvard Grieg und Jean Sibelius – der Norweger und Finne ließen die Zuhörer wahrscheinlich aufatmen, weil sie endlich einmal wieder einen Namen kannten.

Meinhold begann unentschlossen mit einer Melodie für den Gottesdienst, die Epistellesung, von Girolamo Frescobaldo. Danach spielte der Solist die drei kurzen Sätze des Vivaldi, zierlich das Adagio, nahezu besessen das Presto. Hier waren die Barocknoten in seiner Interpretation durchaus wieder deutsche Schwere, besaßen keine südländische Helle.

Danach wollte Meinhold seiner pädagogischen Sendung Raum geben, indem er das Konzert unterbrach, ans Mikrofon eilte und die Musik zu kommentieren glauben musste. Das erwies sich als recht störend, zumal der Weg von der Empore in den Hohen Chor dazukam.

Aber Wieland Meinhold war eilig unterwegs, in der Musik wie im Lauf. Trotzdem hätte man gerne darauf verzichtet. Das Konzert hatte viel zu viele kurze, unbekannte Stücke. Der Versuch, sich einzulassen, in der musikalischen Spur zu bleiben, scheiterte konsequent, weil es schnell schon wieder vorbei war. Ich jedenfalls war erst bei „Solveigs Lied“ wieder bei der Sache.

Der Organist nahm Albinonis (wenn die Anfangstakte denn wirklich von ihm waren) Adagio unnütz theatralisch. Die punktiert absteigende Chromatik ist sowieso todtraurig.

Viel Legato-Brei war dabei in dieser Konzertstunde. Sibelius` Vorspiel für Orgel am Schluss nahm Meinhold mit energischem Zugriff und einer großen Portion Fortissimo. Es ist eben auch ein typisches Renommierstück. Und weil sich der Gast in seinen Ansagen für die Zugabe regelrecht angeboten hatte, war das Publikum auch so wohlerzogen, sie sich zu erklatschen. Das war dann noch einmal Tastengewühl.

Es gab also viel orgiastisches Tutti, das so manches Ohr zugedröhnt haben mochte. Einige Stärke bewies Meinhold im Lyrischen, ansonsten aber blieb das Spiel recht undifferenziert, was auch an dieser Programmauswahl lag.

Jedenfalls war es das letzte St.-Marien-Sommerkonzert 2017. Die gute Nachricht: Die Besucherzahlen waren erfreulich, obwohl sie die 1000er-Marke nicht zu knacken vermochten. Na, vielleicht im nächsten Jahr. Es fiel auf, dass die zwei Brass-Ensemble die meisten Zuhörer anlockten, die Solo-Orgel am wenigsten. Dennoch war auch die 21. Saison wieder eine von Kantor Erik Matz fein komponierte Melange.

BARBARA KAISER

 

„Orgelmusik aus Deutschland und Frankreich – von Barock bis Romantik"

Merle  Hillmer (Orgel)

(8. Sommerkonzert - Samstag, 19.08.2017, 16.45 Uhr)

BK (20.08.2017)

Im Dienste einer Königin

Merle Hillmer spielte die Orgel im achten St.-Marien-Sommerkonzert

Zu Beginn sei hier gleich bekannt, dass ich befangen und somit eigentlich ungeeignet bin für diesen Text. Weil: Bestochen mit zwei Werken von Johann Sebastian Bach! Merle Hillmer gab ihr Konzert in St. Marien, das achte der Sommerkonzertreihe, und legte sich Präludium und Fuge a-moll (BWV 543) und Fantasie und Fuge g-moll (BWV 542) aufs Notenpult. Damit hatte sie meine Sympathie und einen Bonus!

Obwohl der nicht nötig war, denn was die gerade erst 19-Jährige an der Königin der Instrumente zu leisten vermochte, machte geradezu sprachlos. Geboren im Jahr 1997 in Walsrode, studiert die junge Frau seit 2015/16 an der Hochschule für Musik in Leipzig Kirchenmusik. Davor hatte sie Orgelunterricht bei Kreiskantor Erik Matz, der ihr, um ihre bereits großen Fähigkeiten wissend, diese Möglichkeit für das Solokonzert einräumte.

Übertitelt war das mit „Orgelmusik aus Deutschland und Frankreich von Barock bis Romantik“. 300 Jahrhunderte lagen so vor der Interpretin, von Dieterich Buxtehude und Bach und dessen letzten Schüler Johann Gottfried Müthel. Felix Mendelssohn-Bartholdy und Niels Wilhelm Gade – dieser dänischer Gast, der jedoch in Leipzig studierte und in jenem einen Fürsprecher fand. Ganz französisch wurde es mit Louis Vierne und seinem Finalsatz aus der Symphonie Nr. 3 fis-moll op. 28.

Merle Hillmer begann mit Vincent Lübeck (1654 bis 1740) und dessen Präludium in E. Sie legte sich energisch ins Zeug, kraftvoll wie zierlich, mit Präferenz fürs Voluminöse. Ganz sanft danach Buxtehudes Choral (BuxWV 219) „Vater unser im Himmelreich“ – der Beitrag zum Lutherjahr, denn der deutsche Text stammt vom Reformator.

Dann das BWV 543! Das Präludium flüssig, nicht zu aufdringlich. Sehr schlank und ziemlich zügig; trotzdem voller Ausdruck. Die Fuge in atemlosem Tempo, dass der Zuhörer Angst bekam, die Spielerin könne sich hoffnungslos verstricken. Aber sie verweigerte sich jeglicher Hitzigkeit und brachte alles durchhörbar, souverän und sehr rhythmisiert zu einem guten Ende.

Johann Müthels „Fantasie in F“ ist ein variierendes, sich steigerndes, elegantes Thema. Es könnte die Begleitmusik gewesen sein für die Eskapaden, mit denen Goethe und sein Herzog Weimar und Umgebung unsicher machten – es entstand in derselben Zeit. Im Jahr als der Komponist starb – 1788 – kehrte der Dichter von seiner ersten italienischen Reise zurück und hatte zu Harmonie und Schönheit der Klassik gefunden.

Das Moderato F-Dur aus Niels Wilhelm Gades „Drei Tonstücke“ op. 22 war einfach nur schön und eine große Prise Romantik. Merle Hillmer spielte Wellness für die Seele in luftiger Leichtigkeit und bewegender Intensität. Sie fand sich auch durch den Mendelssohnschen Bombast von Präludium d-moll op. 37.

Als musikalischer Orkan erklangen dann Fantasie und Fuge g-moll, BWV 542. Die zwei voneinander unabhängigen Stücke entstanden wahrscheinlich für Bachs Bewerbung auf die Organistenstelle in Hamburg, denn die Fuge verbeugt sich mit einem niederländischen Volkslied vor dem greisen Amtsinhaber, dem Niederländer Reinken.

Bach formte hier ein Satzgefüge, in dem sich alle vier Stimmen mit absolut gleich hervortretender Leuchtkraft bewegen. Das gilt insbesondere für die brillanten und weit ausgreifenden Formulierungen des Pedals, die in der Geschichte des Orgelspiels bis dahin seinesgleichen suchten. Resultat solch kompositorischen Verfahrens und solcher spieltechnischer Ansprüche ist eine Schönheit der Tonsprache und eine spannungsvolle, unablässig vorwärtsdrängende Vitalität, die dieser Fuge höchsten Rang in ihrem Genre und nie verblassende Anziehungskraft auf Spieler und Hörer gesichert hat. Merle Hillmer entwickelte dafür eine ungeheure Spielfreude und Beweglichkeit! Kein verklebtes Legato, kein barocker Brei.

Am Ende warf sich die junge Organistin noch einmal der französischen Spätromantik zu Füßen. Dazu muss man nicht mehr viel sagen. Insgesamt waren es 70 Minuten Konzert, aus denen man beeindruckt hinausging! - Es sollte interessant sein, Merle Hillmer zu hören, wenn sie ihren ungestümen 19 Lebensjahren einige weitere zuaddiert hat. Wenn ihr Spiel, das moussierendem Wein vergleichbar ist, weiter ausgereift sein wird.

BARBARA KAISER

 


„Raum, Klang. Zeit"

Schülerinnen und Schüler der Musikschule für Kreis und Stadt Uelzen e.V.

(7. Sommerkonzert - Samstag, 12.08.2017, 16.45 Uhr)

BK (13.08.2017)

Experimentelles

Musikschule Uelzen zu Gast im siebten St.-Marien-Sommerkonzert

Es kann durchaus Novum genannt werden, dass die Musikschule für Kreis und Stadt Uelzen mit solch einem beeindruckenden Auftritt zu Gast bei den St.-Marien-Sommerkonzerten ist. Im siebten der Reihe war es so weit, Schülerinnen und Schüler stellten sich rund 60 Zuhörern zum Thema „Raum. Klang. Zeit“ vor. Es gibt wohl kaum einen besseren Ort als eine große Kirche, diese drei Begriffe zu versinnbildlichen. Der hohe Raum. Der exquisite Klang. Die historische Zeit.

Daniel Orthey, der neue Leiter der Einrichtung, hatte mit seinen Kollegen Almut und Peter Mengel neun  MusikschülerInnen vorbereitet; was sie boten, war sehr hörenswert.

Um den Raum zu weiten, saßen die zwei Cellisten (Gillian Kaupke und Timon Kraaz) auf der Empore und boten durch die 60 Minuten Programm „Five Duos for two Cellos“ von Halsey Stevens (1908 bis 1989). Wenn man weiß, dass der US-Amerikaner ein Buch über das Leben und die Musik Béla Bartóks verfasste, bekommt man eine Vorstellung von den Noten. Die sehr kurzen Stücke changierten zwischen einem Moll-Adagio und einem munteren Allegro.

Die zwei Cellisten fanden nach einer kurzen Irritation zu Beginn in ein sehr schönes Miteinander und kamen mit diesen zeitgenössischen Partituren gut zurecht.

Zweiter Komponist war Axel Fries (*1954). Der einstige Solopauker am Oldenburgischen Staatstheater und Lehrbeauftragte an der Hochschule für Musik Hannover widmet sich dem Schlagwerk in verschiedenen Varianten: Er nennt seine Werke schlicht „Pling“, was Lautmalerei an sich ist, „Quana“ (aromatisch) und „China Dragon“ (chinesischer Drache).

Da die Zuhörer wissen, wie sehr Daniel Orthey mit der Percussion-Gruppe „Drumherum“ verbunden war und später das „frantic-percussion-ensemble“ mit begründete, wunderten sie sich nicht über diesen Schwerpunkt im Konzert. Orthey steuerte die Komposition „Klack“ bei.

So klingelten und schellten vier Triangeln und ein Solobecken meditativ wie in einem buddhistischen Kloster auf einer Hochebene im Nepal. Zum Stück für Solopauke, das Alexander Witthöft gefühlvoll mit Schlägel und (Trommel)Besen bearbeitete, fiel einem ganz bestimmt nicht die böse Bezeichnung „Rumpelfässer“ ein, wie sie der Hofkomponist Michael Praetorius im 16. Jahrhundert verwendete. Auf jeden Fall gab es die Vorform des Instruments schon in Mesopotamien – was dem Konzertthema „Zeit“ konkret in die Hände spielte.

Als Ben Brauer mit einem Bogen auf einem einzelnen Becken den „China Dragon“ imaginierte, beruhigte sich der Zuhörer: Dieses Tier ist kein feuerspeiendes, eher ein dösender, schläfriger Geselle, der am Ende in seiner Höhle verschwindet.

Das „Klack“ von Daniel Orthey waren sechs Mal witzig muntere Klanghölzer, die im Kirchenschiff lustwandelten, ehe sie im Hohen Chor verschwanden und dort noch einmal zu einem Presto aufliefen.

Nach so viel eher experimenteller Musik – obwohl Halsey Stevens der Tonalität verpflichtet blieb in den Cellostücken – gab es am Schluss eine Ladung Romantik: Von Jules Massanet (1842 bis 1912) erklang die „Meditation“ aus der Oper „Thaïs“, der der Roman von Anatole France zugrunde liegt. Der wiederum fußt auf der Legende um die ägyptische Hetäre und Eremitin Thaïs, der Geliebten Alexanders des Großen.

Fast göttliche Klänge also! Die Geige strich Paulina Krug, am Klavier war Georgios Karagiannis ihr Begleiter. Es war ein wunderbarer Abschluss. Die Violine mit bewundernswerten Ansätzen, flüssig und in schönen Bögen. Der Pianist ein zauberhaft anschmiegsamer Begleiter. Der lange Schlussapplaus galt aber allen neun jungen Musikern  (und ihren Lehrern), die ganz und gar Bemerkenswertes zu Gehör brachten. Ungewohntes, aber aufregend Interessantes.

BARBARA KAISER


Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide vom 15.08.2017

Klänge aus allen Ecken der St.-Marien-Kirche

„Raum.Klang. Zeit.“ lautete der Titel des Sommerkonzertes der Musikschule Uelzen / Das Konzert hätte mehr Besucher verdient

ffr. Uelzen. Schade – das 7. Sommerkonzert in der St.-Marien-Kirche hätte mehr Besucher verdient, zumal es sich um Uelzens musikalischen Nachwuchs handelte. Denn, was dort unter der Einstudierung von Almut und Peter Mengel sowie Daniel Orthey, dem Leiter der Musikschule, unter dem Titel „Raum.Klang.Zeit.“ geboten wurde, war in höchsten Maße beachtlich.

In seiner Einleitung betonte Orthey die musikpädagogische Aufgabe seiner Schule und erläuterte den Titel des Konzertes. Er wies darauf hin, dass „Raum“ auf unterschiedliche Weise wahrgenommen werden könne: mathematisch, psychologisch, aber auch musikalisch. Deshalb hatte er seine Musiker an unterschiedlichen Stellen der Kirche ihre Musik vortragen lassen.

Von der Orgel-Empore herab tönten die Klänge des Cello-Duos Gillian Kaupke und Tilman Kraaz. Sie brachten die „Five Duos für two Cellos“ des amerikanischen Komponisten Halsey Stevens zu Gehör. Das Cello-Duo stand in Wechselbeziehung zu den Jungs am Schlagwerk. Für Belustigung sorgte bei den Konzert-Besuchern ein Tipp-Fehler im Programm. Dort war „Schlagzwerk“ hinter den Namen Clemens Krauß gesetzt worden.

Die Schlagwerker hatten sich Werke des Oldenburger Musikers Axel Fries angenommen. Der Schlagzeuger, Komponist und Hochschullehrer an der Universität in Oldenburg hat nicht nur Film-Melodien geschrieben, sondern auch experimentelle „Drumrummusiken“ – Klänge und Töne werden mit Trommeln, Becken, Triangeln, Klanghölzern und anderen Schlagwerken erzeugt. „Pling“ war das erste Stück der Trommler – vier Triangeln an den vier Ecken des Kirchenraumes, die sich in Tonfolgen jagten und wieder vereinten zu einem harmonischen Ganzen – in der Mitte ein Becken, nicht mit Trommelschlegeln bearbeitet, sondern mit einem „Flummi“ auf der SpItze des Schlagstocks,

Dass auch eine Kesselpauke ein Streich-Instrument sein kann, bewies der Musiker Alexander Witthöft mit „Quana“. Bei „Klack“ von Daniel Orthey kamen die fünf Schlagzeuger (Alexander Witthöft, Clemes Krauß, Ben Brauer, Mathis Reske, Rune Jeremie) und ihr Lehrer mit Klanghölzern zum Einsatz. Ideal der Hall des Kirchenschiffes, der die harten Klänge der Hölzerr nachschweben ließ.

Zum Schluss des Sommerkonzerts gab es noch süßen Schmelz: „Meditation“ aus Jules Massenets „Thais“. Paulina Krug an der Violine und Georgius Karagiannis am Klavier spielten diese Zwischenmusik aus dem 2.Akt mit großer Hingabe.


„Luther und Bach"

"Concerto Giovannini": Karsten Henschel (Altus), Tabea Höfer (Violine), Johanna Oelmüller-Rasch (Viola da Gamba), Sabina Chukurova (Cembalo)

(5. Sommerkonzert - Samstag, 29.07.2017, 16.45 Uhr)

BK (30.07.2017)

Alles Barock

Das Ensemble „Concerto Giovannini“ erzählte und musizierte im fünften  St.-Marien-Sommerkonzert zu  „Luther & Bach“

Sieht man einmal von der Orgel ab, sind die Instrumente des Barock ja eher die Bettvorleger neben Löwe und Tiger; dem Klavier eines Beethoven und Liszt, dem Orchesterrauschen der zwei Richarde Strauss oder Wagner. Und was wäre solch Kastratenstimmchen gegen Ochs von Lerchenau und Walter von Stolzing? Wie ändert sich doch der Geschmack.

Im fünften St.-Marien Sommerkonzert jedoch gab es Bettvorleger. Pardon. Das Ensemble „Concerto Giovannini“ war zu Gast, und Sabina Chukurova spielte das zerbrechliche Cembalo, Johanna Oelmüller Rasch strich und zupfte die Viola da Gamba. Tabea Höfer war an der Violine zu erleben und Karsten Henschel komplettierte als Altus  (Countertenor) das Quartett.

Auf dieses Wochenende fiel übrigens der Todestag Johann Sebastian Bachs. Nein, kein runder – was hätten wir sonst zu feiern. Aber der 267. In der Leipziger Thomaskirche standen die A-Dur-Messe und ein Choral auf dem Gedenkkonzertprogramm, das es seit vielen Jahren gibt. In St. Marien Uelzen ging es natürlich wieder um Luther. Aber: Wenigstens durften Komponisten die Noten dazugeben und da kommt man um den großen Bach nicht herum. Sowieso steht man immer wieder sprachlos davor, wie modern dessen Musik daherkommt. Deshalb hier noch einmal die Wiederholung seiner Todestag-Zahl: 267!

Es können wieder rund 90 Zuhörer gewesen sein, die den Weg fanden zur nun schon Halbzeit der diesjährigen Reihe. Und als „Ein feste Burg ist unser Gott“ das Ende der 60 Konzertminuten ankündigte, hatte sicherlich jeder Zeit für Besinnung gefunden. Gewürzt mit Anekdoten um den Reformator, beispielsweise über seine übereifrige Beichttätigkeit oder seine Einstellung zur Trunkenheit, waren es die leisen Töne gewesen, die zur Einkehr riefen und Stille suggerierten.

Ein schönes Preludio aus der Partita Nr.3 E-Dur für Violine solo (BWV 1006) schwebte von der Empore. Nicht ganz reinstraumtauglich, aber engelsgleich und mit Verve. Ein Stück Trisonate Nr. 4 e-moll (BWV 528) brachten Violine, Viola da Gamba und Cembalo zu Gehör.

Den ersten Satz aus langsamer Einleitung und Fuge verwendete Bach bereits in der Kirchenkantate „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ (BWV 76). Es kam ja öfter vor, dass der Meister sich selber zitierte. Eine interessante Lösung war der Choral für Orgel „Christ unser Herr zum Jordan kam“, dessen Stimmen das Quartett unter sich aufteilte. Ausgerechnet das Pedal bekam der Altus überschrieben.

Karsten Henschels Gesang fehlte mitunter der nötige Schalldruck. Jedenfalls bis zur letzten Reihe! Die höchsten Töne benötigten manch brachialen Aufschwung, da geriet die Stimme in die Nähe angestrengten Übersteuerns. Und das Textverständnis ließ doch auch ziemlich zu wünschen übrig. Seine Instrumentalisten-Kolleginnen musizierten weitgehend konform; das Cembalo manchmal ein wenig prononciert.

Insgesamt bot das fünfte Sommerkonzert für Zuhörer, die diese Art der Musik mögen, Zeit zum Atemholen.

BARBARA KAISER


„Orgel in Form"“

Erik Matz (Orgel)

(4. Sommerkonzert - Samstag, 22.07.2017, 16.45 Uhr)

BK (23.07.2017)

Gut in Form

Erik Matz spielte auf der Orgel für das 4. St.-Marien-Sommerkonzert Musikstandards

Die Fuge war nicht dabei, sieht man davon ab, dass das Präludium D-Dur von Dietrich Buxtehude eine beinhaltet. Die Toccata auch nicht. So gesehen blieb Kantor Erik Matz bei seiner Programmankündigung inkonsequent, wollte er doch die „Orgel in Form“ präsentieren, was Standards – so hieße es in der U-Musik - meint.

Aber Matz nahm sich eine Sonate vor, die vierte von Mendelssohns sechs Orgelsonaten, die in B-Dur op. 65. Er brachte ein Trio zu Gehör, das Gottfried August Homilius, Bachschüler, aufschrieb. Und er spielte drei der 24 Fantasiestücke von Louis Vièrne aus dem Jahr 1926. Natürlich gab es auch den großen Meister selbst: Es erklangen die wunderbaren „Pièce d` Orgue“ BWV 572 und mit den Choralvorspielen „In dir ist Freude“ BWV 615 und „Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl“ BuxWV 193 eine weitere Form der Musik.

So war das vierte St.-Marien-Sommerkonzert eine Melange durch die Jahrhunderte. Rund 80 Besucher lauschten dieser erneuten Verbeugung vor der Orgel. Erik Matz zog zahlreiche Register. Er begann mit dieser kleinen Melodie des Buxtehudschen Präludiums (BuxWV 139), die sich fröhlich gebärdet, ehe dramatische Akkordfolgen Neues hervorbringen, gegenläufige Noten in Pedal und Manual enden dann unvermittelt. Dagegen verströmt das folgende Choralvorspiel Geborgenheit, das nächste von Bach dann deutlich hörbare Freude.

Die „Pièce d `Orgue“ waren ein Klangfest, scharf konturiert und höchst differenziert dargeboten von dem Mann auf der Empore, der den Riesenapparat Bachscher Komposition präzise zu nutzen wusste. Diese Fantasie in G-Dur, wie das Stück auch heißt, besteht aus drei stark kontrastierenden, aber eng aufeinander bezogenen Teilen, früheste Abschriften der endgültigen Fassung stammen aus den 1720er Jahren.

Unter den Händen von Erik Matz erblühte dieses bekannte und wohl meistgespielte Orgelwerk Bachs zur schönen, originellen und wirkungsvollen Schöpfung, die ebenso mit gedanklicher Frische und Könnerschaft zu tun hat, zum Glanzpunkt des ganzen Konzerts. Munter und fingerflink das sehr beeindruckende Trés vitement, nicht in einem Klangbrei versinkend das fünfstimmige Gravement und sehr effektvoll das abschließende Lentement.

Das Trio in G-Dur von Homilius danach war schöner, zierlicher Zwischenruf. Ein Allegretto, dem Menuett nicht unähnlich. Matz` Spiel blieb gläsern, ehe er sich in die Mendelssohn-Sonate stürzte. Der gleichzeitige Zeitsprung befremdete zunächst, denn das Allegro con brio brachte romantischen Bombast mit weniger Wohlgefallen. Aber der Solist gab sich zupackend, ohne falsche Ehrfurcht und in schöner Rasanz bis zum Schluss. Bewegend wie lustvoll das Andante religioso – keine dumpfe Bigotterie. Spielerisch leicht Satz drei, ehe  Satz vier, Allegro maestoso, eher herrisch denn majestätisch daherkam. Erik Matz gab den vier Sätzen  Ausdrucksstärke und Klangschönheit mit der Fähigkeit zu vielfältigen Nuancierungen. Farbenreich und konfliktgeladen brachte er die 15 Minuten-Sonate zu ihrem Forte-Ende. Romantik eben.

Am Schluss ging die Sonne auf: „Hymne au soleil“ aus den „Pièces de Fantaisie“ von Vièrne. Die französischen Noten irrlichterten zunächst, ehe sie mit einer einprägsamen, sich wiederholenden Tonfolge die Präsenz des Glutballs vehement unterstrichen. Es folgte ein eilig huschendes „Impromptu“ (in Bereitschaft, Improvisation), das den Spaß mit der Melodie von Westminster Abbey vorbereitete. „Carillon de Westminster“ (das Glockenspiel von Westminster) ist eine Hommage an die weltbekannte Notenfolge im Pedal, immer umwuselt und variiert von einer Hand, sich zu einem wahren Klangrausch steigernd. Am Ende erwartete man zumindest ein paar Glockenschläge – die bleiben aber aus.

So war das Konzert barocke Klarheit und Romantik-Droge. Es gab langen Beifall für ein anstrengungsloses Spiel, das immer durchhörbar blieb. Kantor Erik Matz war also in Form wie sein Programm, und er bewies ein Gespür für selbige.

BARBARA KAISER


„Brass in Concert"“

Torben Pannen, Simon Weymann (Trompeten), Tammo Krüger (Horn), Jonas Kruse (Posaune), Steffen Schulte (Tuba)

(3. Sommerkonzert - Samstag, 15.07.2017, 16.45 Uhr)

BK (16.07.2017)

Reine Männersache

Im dritten St.-Marien-Sommerkonzert spielte das Blechbläserensemble „Magenta“

Die heutige „Gefällt mir“-Generation der Internet-Autisten würde sich niemals für Blechblasmusik interessieren, käme die daher wie seit 150 Jahren überall auf der Welt: In Marschformation. Blechbläser (Brass) Bands, wie sie sich damals in Großbritannien entwickelten (brass = engl.: Messing), haben aber offenbar in der Gegenwart Konjunktur. Immer mehr junge Ensemble entstehen, die sich ein Repertoire auf die Pulte legen, das einfach nur staunen macht.

„Magenta“ nennen sich die fünf jungen Männer, die sich vor vier Jahren an der Musikhochschule Hannover zusammenfanden. Torben Pannen, Simon Weymann (Trompeten), Tammo Krüger (Horn), Jonas Kruse (Posaune) und Steffen Schulte (Tuba) erwählten für sich den Namen der schrillsten aller Druckfarben. Eine Telekommunikationsfirma wirbt damit beharrlich und neuerdings peppt eine Fünf-Prozent-Partei ihr Blaugelb damit auf.

Fürs dritte Sommerkonzert war „Magenta“ in St. Marien zu Gast und die Zuschauerzahl brach alle Rekorde! Es können 120 Besucher gewesen sein, sogar Programme musste Kantor Erik Matz auf die Schnelle nachdrucken.

Die Blechbläser nannten ihr Programm „Wendepunkt“. Vielleicht hat dieser Titel sogar ganz entfernt etwas mit Klaus Manns gleichnamigem Roman zu tun, in dem sich ein junger Mann „…darum bemüht, den Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu finden, sich irgendeiner Ordnung einzufügen: immer schweifend, immer ruhelos, umgetrieben, immer auf der Suche …“ Ein Buch, das „die Geschichte eines Deutschen (erzählt), der zum Europäer, eines Europäers, der zum Weltbürger werden wollte…“

Denn wie sonst sollte man verstehen, dass „Magenta“ Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ vereinte mit Musik von David Sampson (*1951), Bo Nilson (*1937) und Kerry Turner (*1960)?

Das Quintett euphorisierte das Publikum mit einer hochmusikalischen Präsenz. Die Schwierigkeit, die Bachsche Partitur, die drei- oder vierstimmig ist, mit fünf Instrumentalisten zu bestreiten, war für diese Jungs gar keine. Sie setzten mit ihrem Musizierverständnis auf ein Fresko der Effekte. Da gab es nichts unscharf Formuliertes, kein unverbindliches Schnurren.

Blechbläser - diese sensiblen Stellen eines jeden Orchesters - der reinsten Art standen da im Hohen Chor von St. Marien. Sie moderierten die neuen Stücke Sinn gebend an – wobei sich erwies, dass sie auch politisch denkenden junge Leute sind, indem sie „Morning music“ von Simpson als Statement gegen rechte Gewalt der Gegenwart verstanden wissen wollten. (Des Komponisten Bruder war vom Ku-Klux-Klan auf einer Demonstration erschossen worden.)

Trompeten, mal schmetternd, mal jubilierend. Die Posaune und das Horn verlässlich grundierend und selber zur Melodieführung fähig. Die bedächtigere Tuba gänzlich ohne Anstrengung. Was das Quintett bot war Blechmusik, die faszinierend stilvoll und edel perlte. Da spielten Instrumentalisten zusammen, die sich nicht einzeln profilieren wollten, sondern höchstes Niveau im Miteinander erstreben. In flexibler Dynamik, virtuos auftrumpfend, in feinnerviger Wiedergabe und silbriger Transparenz. Hier kämpften nicht fünf Solisten um die Lautstärkehoheit, hier nahm eine homogene Gruppe die zahlreichen Chancen der Partituren zu klanglicher Brillanz wahr; von den schillernden Tönen des strömenden Cantabile hin zum kess atonalen Radau. Ausdrucksbetont, kommunikationsfreudig.

So gab „Magenta“ Kunde von solider künstlerischer Ausbildung und handhabte ihre Instrumente auf erquickliche Weise. Wie sie sich zum Beispiel in Kerry Turners „Ricochet“ (= Aufprall, Abprall) zusammenhielten in der opulenten, ein bisschen schrägen Fröhlichkeit mit Wildwestimagination und Präriegalopp, das verdient ausschließlich Hochachtung.

Die Fuge(n), die der barocke Meister Bach mit höchster Kunstfertigkeit aufschrieb, abverlangt  den Spielern bis heute die Meisterschaft, diese spezielle Form der Musik so darzubieten, dass veranschaulicht bleibt, was sie ist: Die glasklare besondere Anordnung des musikalischen Themas, das in verschiedenen Stimmen zeitlich versetzt wiederholt und jeweils auf unterschiedlichen Tonhöhen eingesetzt wird. Das Quintett beherrschte diese Kunst.

Dass sie auch anders könn(t)en, bewies die letzte Zugabe: In „Guten Abend, gut` Nacht“ brach für einen kurzen Moment der jazzige Blechlärm los – vielleicht kommen die jungen Männer ja wieder mit einem solchen Repertoire?

BARBARA KAISER


„Klassikfantasie“

Daniel Schmahl (Trompete), Matthias Zeller (Orgel, Syntheziser)

(2. Sommerkonzert - Samstag, 08.07.2017, 16.45 Uhr)

BK (09.07.2017)

Bach als Samba

Trompete und Orgel im zweiten St.-Marien-Sommerkonzert

Es kann gar nicht sein, dass die Engel, wie behauptet, Harfenspieler sind. Schon wer sie in Goethes Faust-Prolog donnern hört, kann sich dazu eigentlich nur eine Orgel und eine Bachtrompete vorstellen. Und: die Orgel taugt auch für Swing – eigentlich wussten wir es.

Was noch alles geht, bewiesen im zweiten St.-Marien-Sommerkonzert Matthias Zeller an eben diesem Instrument und Daniel Schmahl (Trompete, Flügelhorn). „Klassikfantasie – `alte` Musik im neuen Klanggewand“ versprach das Programm, dem wieder ein sehr zahlreich erschienenes Publikum lauschte. Was fernab üblicher Dramaturgie in Szene gesetzt wurde, war keineswegs Respektlosigkeit, sondern glänzende Musikalität, kompositorischer Einfallsreichtum und eine ganze Menge Virtuosität.

Dieses Sommerkonzert war die Stunde des sensiblen Klangs und der immensen Ausdruckskraft. Daniel Schmahl und Matthias Zeller  agierten in animiertem Wechsel- und Zusammenspiel, mit unwiderstehlichem Schmelz. Traumhaft sicher in den Höhen an Trompete beziehungsweise Horn, mit ausgeprägtem Differenzierungsvermögen und lockerem Drive an der Orgel. Musik von makelloser Artikulation, zündender Dynamik und bezwingender Klangkultur. Es war ein Spiel in äußerster Konzentration, das keine Durststrecken kannte, ein Feuerwerk von funkelnder Leuchtkraft.

Als Entree kurz und donnernd auf der Orgel Filmmusik aus „The Piano“ von Michael Nyman, fürs Kontrastprogramm sorgte das Adagio von Tomaso Albinoni, Bachzeitgenosse, der allerdings nur eine Bassstimme hinterließ, die erst 200 Jahre später zu dem ergänzt wurde, was wir heute lieben.

Für die Besinnung danach des Barockmeisters Choral „Jesus bleibet meine Freude“ (BWV 147); stimmungsvoll die Trompete, die Orgel in schönen Schleifen drum herum. „Star Wars“-Musik als drohende Presto-Fanfare der Orgel, dann ein Bach-Präludium voller Übermut. Ein Wettstreit zwischen den Instrumenten, bei dem es keinen Verlierer gab, voller lateinamerikanischer Synkopen und mit Schwung.

Tempo, Klarheit und Durchsichtigkeit bestimmten das Musizieren der beiden Instrumentalisten. Konsequente Energie gab den Darbietungen Glanz. Da gelang Lyrisches wie Monumentales. Freches auch, wenn zu Edvard Grieg und „Solveigs Traum“ der Tanz der Trolle kombiniert wird und das „Als ich fortging“ der DDR-Rockgruppe „Karussell“ aus dem Jahr 1987. Der Sänger Dirk Michaelis machte den Text von Gisela Steineckert zu einem Hit, der unter die Haut geht bis heute

Ein großartiges Klangtableau voll ehrlicher Direktheit, kein Trend, keine Pose – nur Musik. Sehr gegenwärtig und doch traditionsbewusst. Technisch absolut brillant und an nicht einer Stelle verschludert. Und zum Freuen, wenn die Orgel mit der Trompete so wunderbar charismatisch miteinander, füreinander, umeinander – nie jedoch gegeneinander rockte. Mit ausdrucksintensiver, ja abgründiger Klanglichkeit und Experimentierfreude.

Es gab langen Beifall für diesen verführerischen wie lebensfrohen Konzertabend.

BARBARA KAISER


Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide vom 10.07.2017

Zwischen Tiefgang und Geplänkel

Bravouröses Sommerkonzert von Orgel, Trompete und Flügelhorn in St.Marien

Uelzen. Klatschen oder Kopfschütteln? Manch einer im stattlichen Publikum des zweiten Sommerkonzerts in der St.-Marien-Kirche Uelzen schien verunsichert, dessen, was da „von oben“ erklang. „Ein Reigen verschiedener Stile und Epochen“, wie Organist und Kantor Erik Matz versprach. Ein Vertrauter spielte Trompete und Flügelhorn: Daniel Schmahl. An der Orgel Matthias Zeller.

Von „Klassikfantasie“ war im Titel des Konzerts die Rede. Klassik als eine musikalische Epoche betrachtet oder als Abgrenzung und Kontrast zur großen Sparte der Unterhaltungsmusik? Fantasie in der Musik gilt allgemein als Instrumentalmusik von betont freier Gestaltung. Und das drückte der Untertitel zum tollen Konzert dann auch aus: „Alte“ Musik in neuem Klanggewand zwischen Klassik, Jazz und Filmmusik. Ein musikalischer Fachbegriff passt noch dazu: Crossover, also Musik unterschiedlicher Herkunft zu mischen. Zu hören gleich nach den schwungvollen, brausenden Orgelklängen mit ausgefallenen Solopartien in der Eröffnung zu „Here to There“ nach Michael Nymans Titelmusik zu „The Piano“. Dann der „Klassikhit“ – das Adagio von Tomaso Albinoni. Sehr spannungsreich entwickelnd gespielt von dem Duo.

Und es wurde weiter „gespielt“ mit Rhythmen, den vielfältigen Klangmöglichkeiten der Uelzener Orgel, musikalischen Ideen, Wechsel im Tongeschlecht mit kühnem Gebrauch von Chromatik, Dissonanz und Modulation. Ohne das Science-Fiction-Epos „Star Wars“ zu kennen, war es anhand der Musik leicht, Bilder aufkommen zu lassen. Im Mittelpunkt drei Bach-Stücke, mit denen herrlich „geplänkelt“ wurde. Der Altmeister hätte sicher lächelnd mit den Augen gezwinkert. Die „Tribute von Panem“, geradezu sphärisch, und Piazollas Libertango, der sich nach Bachs C-Dur-Präludium entwickelte, geradezu Herzschlag steigernd. Bravo

UTE BAUTSCH-LUDOLPHS


"Sing your soul"

Meike Salzmann (Akkordeon), Ulrich Lehna (Klarinette)

(1. Sommerkonzert - Samstag, 01.07.2017, 16.45 Uhr)

BK (02.07.2017)

In St. Marien startete die Sommerkonzert-Reihe 2017 mit Akkordeon und Klarinette
Mozart-Sound und Klezmer-Noten

Es ist unbestrittene Tatsache, dass neben der achten Internationalen Sommerakademie auch anderswo Musik stattfindet. So startete unter beachtlichem Zuspruch – es können nahe 100 Besucher gewesen sein – in St. Marien die diesjährige Reihe der Sommerkonzerte. Im wahrscheinlich 21. Jahrgang, Kantor Erik Matz weiß das immer nicht so genau.

Noch bis Ende August wird es immer an den Samstagen um 16.45 Uhr heißen: 60 Minuten Musik vom Feinsten und anschließend auf dem Kirchplatz ein Glas Wein. So verspricht es  der Programmzettel, und die Ratsweinhandlug Uelzen unterstützt das Unternehmen. Diese „aprés concerts“ sollen übrigens die anregendsten Gespräche hervorbringen und es gäbe sogar Solisten, die wegen des Danachs besonders gerne kommen!

Die musikalischen Gäste des ersten Konzerts waren Neulingen: Meike Salzmann und Ulrich Lehna brachten ihr Programm „Sing your soul“ – Singe deiner Seele – mit und taten das auf dem Akkordeon und verschiedenen Klarinetten. Auf dem Zettel meist Adaptionen für diese Instrumentenpaarung.

Ich gebe zu, mich von Klavier und Violoncello in Oldenstadt losgerissen zu haben, weil ich auf das Akkordeon gespannt war. Das ist wohl so, wenn man ein Instrument selber jahrelang ausgiebig erlernte, zwischen Volkslied, Ländler, Operettenouvertüre und Opernarie alles, wenn wohl auch nicht konzertreif gespielt hat.

Um es gleich vorweg zu sagen: nach den 60 Minuten mit Meike Salzmann blieb ich recht unzufrieden zurück. Die Solistin registrierte ihr Akkordeon so, dass es sich zunächst als Orgel gerierte. Legato-Bässe meist, die Brei produzieren. So fehlte die Vorwitzigkeit, ohne dem „Schifferklavier“, der „Quetschkommode“ nur ausschließlich brachiale Stimmungskanonenfunktion unterstellen zu wollen.

Zweite Enttäuschung: Meike Salzmann legt in ihrer Vita Wert darauf, dass sie Unterricht bei Wladimir Jeschkin, „dem russischen Bayanvirtuosen“ hatte. Wäre es da nicht billig gewesen, sich mit Noten aus diesem Kulturkreis zu verbeugen?

Ulrich Lehna schloss sein Studium als Instrumentalpädagoge ab und spielt mehrere Blasinstrumente zwischen Blockflöte, Saxofon und den verschiedenen Klarinetten; Alt- und Bass-Klarinette hatte er neben der gängigen bei seinem Auftritt dabei. Die zwei Solisten starteten mit einem Traditional, das gute Laune machte. Auch das „Ave Maria“ von Astor Piazzolla war einmal eine andere Hörerfahrung. Sehr speziell danach die Bearbeitung eines Vivaldi-Konzerts in a-moll durch Johann Sebastian Bach und danach durch das Duo, in der nach dessen Willen die Bassklarinette das Soloinstrument sein sollte. Solche Experimente gelingen eher selten.

Der zweite Satz von Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur mit einem Trommel-Entree zu beginnen, weil das ja eine Filmmusik aus „Jenseits von Afrika“ war, fand ich unpassend. Das bei Salzmann und Lehna zuckersüße Adagio begleitet eigentlich die stillsten, poetischsten Filmszenen mit ganz langsamer Kameraführung. Nirgendwo Bambule. Und ob sich Robert Redford und Meryl Streep bei diesem Sound auch geliebt hätten? War es im Film nicht sowieso eine Oboe? Das Konzert gibt es nämlich für beide Besetzungen! Aber das ist auch egal.

Am fröhlichsten und den Erwartungen angemessen schien mir die Tarantella, in der endlich auch die Bässe hüpfen durften. Auch der finnische Tango auf  „Ich liebe dich“ – auf Finnisch „rathastan“ (was wenig zärtlich klingt) wurde eine ausgelassene Angelegenheit.

Vielleicht verschwendeten die beiden Solisten ihre Fähigkeiten an den Instrumenten an die falschen Partituren? Denn dass sowohl Meike Salzmann wie auch Ulrich Lehna ihr Fach beherrschen, war nicht zu überhören. Beide fingerflink und im Zusammenspiel beieinander. Aber so richtig ins Herz trafen die Programmnummern nicht. Aber das bleibt wieder einmal Ansichtssache.

BARBARA KAISER


Johann Sebastian Bach (1685 - 1750):
Matthäus-Passion
(Sonntag, 02.04.2017, 17.00 Uhr)

BK (03.04.17)

Eine Predigt in Tönen
Großartige Aufführung der Matthäus-Passion in St. Marien

altEs war ein langer Abend. Drei Stunden dauernd. Dennoch: Verböte sich nicht angesichts seiner Dramatik und Tragik das Wort „kurzweilig“, es wäre die passende Vokabel. Die neue Bachsche Revolution von 1727 – zwei Chöre, zwei Orchester, fünf Solisten; eingängige Rezitative, großartige Arien, machtvolle Ensembles, sie wirkt immer noch. Immer wieder. Wie ganz große Oper. Und man darf sich erneut fragen, warum der Meister nicht auch in diesem Genre arbeitete. Es war wohl für einen Kantor, der sein Amt und die Berufung ernst nahm, nicht comme il faut.

Die Matthäus-Passion! Kantor Erik Matz stellte sie mit seinen Kantorei-Sängerinnen und -Sängern, den Solisten Cathrin Lange (Sopran), Carola Göbel (Alt), André Khamasmie (Tenor), Konstantin Heitel und Matthias Weichert (Bass) und den Instrumentalensembles „Schirokko“ und „Historisch 21“ (beide Hamburg) vors Ohr des Publikums in der nahezu ausverkauften St.-Marien-Kirche.

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Und damit die Zuhörer gleich gar nicht auf die Idee kämen, diese Geschichte sei 2000 oder wenigstens 300 Jahre alt und eine Art Singspiel, ließ Matz sie sich bei den Chorälen von den Plätzen erheben. Im Programmheft war dazu zu lesen, dass alle in das Passionsgeschehen einbezogen werden sollten, damit es im Hier und Jetzt erlebbar wäre. Eine kluge Idee, wie sich zeigen sollte.

Bach verknüpfte in diesem monumentalen Werk, einem modernen Autor gleich, sein musikalisches Genie mit den Texten der Schrift (Matthäus 26), den fast pietistischen Versen seines Librettisten Picander und Chorälen von Paul Gerhardt, Paul Fleming, Adam Reusner und anderen. Die schönsten Lieder des deutschen Protestantismus stellte er in den Zusammenhang der Passion.

Den verschiedenen Texten ordnete er bestimmte musikalische Gestaltungsformen zu; der Bericht des Evangelisten wird kommentiert und reflektiert und kontemplativ verarbeitet. So müsste mit den Chören (das Volk) auch das Publikum erzittern vor so viel Falsch, das vorher doch Vertrauen war. Vor einem Mob, der „Zertrümmre, verderbe, verschlinge, zerschelle“ schreit und „Laß ihn kreuzigen“. Und vor Jüngern, die ganz schnell verleugnen, obwohl zuvor die Frage „Wo willst du, daß wir dir bereiten, das Osterlamm zu essen?“ Gemeinschaft gaukelte?

Die Matthäus-Passion betreibt musikalisch verschwenderischen Aufwand. Kontrapunktische Fülle und expressive Eindringlichkeit, kühne Chromatik in wilder Erregung, faszinierende Instrumentalbegleitungen und schmerzliche Vielstimmigkeit erschaffen aufregende tönende Bilder. Wie alle Akteure unter der konsequenten Stabführung von Erik Matz sie malten, verdient höchstes Lob! Es wurde eindrucksvoll, in ruhigem Glanz und ehrlicher Hingabe bestechend musiziert.

Mammutaufgabe für André Khamasmie als Evangelist, der die Ansprüche dieser Noten mit bezwingend emotionalem Ausdruck füllte und dabei nirgendwo eine flackernde Kraftanstrengung oder gar Mühe hören ließ. An seiner Seite Cathrin Lange, die ihre Koloraturen mühelos und leicht formte, und Carola Göbel, die flüssig und mit sicheren Spitzentönen sang. Textverständlich und gestaltend die beiden Bässe Matthias Weichert und Konstantin Heintel. Alle Solisten machten sich ein emotional mitteilsames Singen zur Aufgabe.

Die zwei Chöre – die Kantorei geteilt – voller Klage und Gewalt, mit Agilität und Strahlkraft; sich durch die Orchester von exquisitem Format, die Sänger und Chöre in fein dosierten aufleuchtenden Klang einbetteten, immer wieder beflügelnd.

Erik Matz forderte mit dieser Aufführung die große Leistungsfähigkeit seines Chores voll heraus. Die großartig disponierten Solisten sollten Motivationsschub gewesen sein. Alle griffen musikalisch präzise ineinander, waren Schwerstarbeiter der Nuance, jenes geringen Tonunterschieds und Tonwechsels, der Seelengefüge aus ihren Ankern reißt und die Zuhörer erst wahrhaft zu berühren im Stande ist.

So schritt das Passion-Drama unerbittlich voran. Vom e-moll des Beginns über tröstliche Dur-Episoden zum schmerzlich ausklingen c-moll-Dreiklang, der die Dissonanz nicht wegwischen will, die Trauer über den Verrat, darüber, was Menschen ihren Brüdern anzutun in Lage waren - und sind. Das Publikum immer mittendrin, auch durch das besondere Aufmerken im Aufstehen, das Assoziationskraft beförderte. - Am Ende, in die Stille, läuteten die Glocken von St. Marien und es gab guten Grund nachzudenken. Auch über den erlösten jedoch nicht erlösenden Applaus für eine phänomenale musikalische Leistung hinaus.

BARBARA KAISER


Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide vom 04.04.2017

Musikmarathon: Drei Stunden Matthäuspassion

Kantorei und Solisten sorgen in der Kirche St. Marien für ein herausragendes Klangerlebnis

Uelzen. „So, jetzt muss ich erst mal aus diesen Schuhen raus“ – sichtlich geschafft, aber auch rundum glücklich und zufrieden war Erik Matz am Sonntagabend, nachdem er drei Stunden lang in der St. Marienkirche die „Matthäuspassion“ dirigiert hatte.

Alles an ihm war in Bewegung gewesen: Seine Finger, Hände und Arme, ja sogar seine Kopfbewegungen wiesen der St.-Marien.Kantorei, dem Ensemble Schirokko aus Hamburg und dem Ensemble Historisch 21 um die Geigerin Galina Roreck die Einsätze zu. Dazu kamen dann noch die Solo-Stimmen: Cathrin Lange mit einem herrlich klaren Sopran, Carola Göbel mit einem warmen Alt, André Khamasmie, dessen deutlicher Tenor mit Matthias Weicherts Bariton kontrastierte. Konstantin Heintel hatte den Bass-Part.

Es war ein sehr ungewöhnliches Musik-Ereignis. Zum einen der überaus großen Präzision wegen, mit der Chor, Musiker und Solisten zusammenwirkten, sich ergänzten, miteinander harmonierten und trotz der Unterschiedlichkeit ein großes Ganzes waren.

Zum anderen der Instrumente wegen, mit denen die beiden Ensembles aufwarteten, die aber – so Matz – von Johann Sebastian Bach damals so vorgesehen waren. Und so hörten die in großer Zahl das Mittel- und die Nebenschiffe der Kirche füllenden Besucher, wie eine Gambe klingt, wie zart, aber auch dumpf und hart die 14-saitige Laute gezupft werden kann, wie weich und trotzdem sehr die Klangfarbe bestimmend sich die Oboen da caccia einfügen, dieses, einem Jagdhorn nahe kommenden Blasinstrument, das einer Barock- oder Renaissance-Oboe so gar nicht ähnelt.

Die von Johann Sebastian Bach so gewollte reiche Instrumentierung der am Karfreitag 1727 in der Leipziger Thomaskirche zuerst gespielten „Matthäuspassion“ war überhaupt nicht nach jedermanns Geschmack. In seiner 1732 erschienenen „Historie der Kirchen-Ceremonien in Sachsen“ schrieb Christian Gerber: „Als in einer vornehmen Stadt diese Paßions-Music mit 12 Violinen, vielen Hautbois [Oboen], Fagots und anderen Instrumenten mehr, zum erstenmal gemacht ward, erstaunten viele Leute darüber und wußten nicht, was sie daraus machen sollten.“ „Eine alte Adeliche Wittwe sagte: ´Behüte Gott, ihr Kinder! Ist es doch, als ob man in einer Opera-Komödie wäre.´“

Denn schließlich geht es, bei aller Freude an dem musikalischen Wohlklang, ja um Jesus, den Verrat durch Judas, das Urteil, den Weg nach Golgatha, die Kreuzigung, die Grablegung Jesu. Um diesen Aspekt deutlich zu machen, wurden die Besucher gebeten, sich „wenn Sie können und mögen“ (Programmheft) bei den Chorälen zu erheben. Besonders erhebend war es, zu den ausklingenden Tönen des letzten Chorstückes stehend dem einsetzenden Klang der Glocken zu lauschen. Die Matthäuspassion à la Erik Matz: Ein Höhepunkt der vorösterlichen Zeit.

FOLKERT FRELS


2016


Johann Sebastian Bach (1685 - 1750):
Weihnachtsoratorium, Teile I, II und III
(Sonntag, 11.12.2016, 17.00 Uhr)

BK (12.12.2016)

„… verbannet die Klage!“
St.-Marien-Kantorei, Solisten und Orchester mit Weihnachtsoratoriums-Kantaten I bis III

Es war wieder Weihnachtsoratoriumszeit - was für Uelzen verlässlich dritter Advent bedeutet - und die St. Marienkirche restlos ausverkauft! Weil Adventszeit vor allem Vorfreudezeit ist, bedeutet das für viele, Bachs klingendes Symbol für den christlichen Glauben an die Geburt Jesus Christus als eine Fluchtburg vor dem kommerziellen Geklingel für dieses Fest zu nehmen.

altDie St.-Marien-Kantorei gab das Werk in diesem Jahr ganz traditionell, nämlich seine populärsten Kantaten I bis III. Der Chor hat zahlreiche neue und junge Mitsänger, die wollen eingeführt und herangeführt sein an die anspruchsvollen Aufgaben, denen sich Kantor Erik Matz stets verschreibt. Da braucht es Erfolgserlebnisse.

Erstes Lob muss unbedingt dem Orchester, einem durch Gäste verstärkten Kammerorchester Uelzen, gehören: Standfest und geschmeidig begleitete es die Solisten und die Kantorei. Mit den erwarteten schmetternden Trompeten, die auch im Piano beweglich blieben, mit einer wunderbaren Violine im Duett mit der Altistin, Flöte, Oboe und Horn höhensicher. Erik Matz, der am Pult wieder alles verlässlich zusammenhielt, schmiegte den Klangkörper allen Sängern maßgeschneidert an.

Zwischen dem 25. Dezember und 6. Januar 1734/35 uraufgeführt, ist das sechsteilige Oratorium schönster Ausdruck der überbordeten, universellen Tonsprache des deutschen Barockkomponisten und wohl keiner nahm es ihm je übel, dass von den 64 Nummern 19 Plagiate sind. Aber wenigstens schrieb der Meister bei sich selber ab. Wie den berühmten Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“, den es seit 1733 als weltliche Glückwunschkantate für die Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, Maria Josepha, gab.

Wer diesen Auftakt versemmelt, hat schlechte Karten beim Publikum. Die St.-Marien-Kantorei machte alles richtig. Vielleicht fehlte bei „Lasset das Zagen, verbannet das Klagen“ ein bisschen die Entschlossenheit, trotzdem sang der Chor mit eindringlicher musikalischer Charakteristik und vor allem bewundernswert homogen.

alt alt alt

Ein zweites Lob gebührt der Sopranistin Dorothea Potter, die an der Seite von Schirin Partowi (Alt), Jörn Lindemann (Tenor) und Torsten Meyer (Bass) für die Solonummern zur Verfügung stand. Potter schwächelte an keiner Stelle, besaß die notwendige Stimmkraft und ließ den Text auch in der letzten Reihe ankommen. Der Bass schlug sich im kraftvoll-rhythmisierten „Großer Herr und starker König“ sehr wacker. Tenor und Alt brachten die barocken Schnörkel, auch wenn sie die umfangreichsten Parts zu bestreiten hatten, nicht immer sicher zu einem glücklichen Ende.

Insgesamt jedoch besaß die Aufführung mehr von einer durchgängig gestalteten Erzählung, weil die Solisten auf schöne Weise den Doppelpunkt für die nächste Nummer mitdachten und selbigem Ausdruck gaben.

Drittes Lob unbedingt für die Kantorei, auch wenn man sich die Choräle und Chöre an der einen oder anderen Stelle jubilierender gewünscht hätte. Beispielsweise die Nr. 21: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Der Klang der erregten Staccato-Begleitung sollte in diesem Jahr besonders schmerzlich ausfallen mit einem Blick in diese Welt. Den fugierten Sechzehnteln am Ende muss deshalb die letzte Freude fehlen. Ja, vielleicht hat Erik Matz diesen Blick in die Gegenwart geworfen und es war Absicht, wenn gerade der letzte fehlende Jubel angemerkt wurde?

Nach der Nummer 34 von Teil III lässt Matz die Nummer 24 wiederholen. Statt des erneuten „Jauchzet, frohlocket“  noch einmal „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen,/ Laß dir die matten Gesänge gefallen…“ Nun, „matte Gesänge“ waren es keineswegs, die 90 Minuten lang der Adventszeit eine Krone aufsetzten. Eventuell waren sie ja gar Ermahnung, denn der weitergehende Text ist durchaus mit einem Fragezeichen zu versehen: „Weil unsre Wohlfahrt befestiget steht.“ Ist das wirklich so? Oder wurde sie fragiler in den letzten Jahren?

Nein, man muss nicht so sehr am Text hängen, obwohl sich Erik Matz immer etwas denkt dabei!

Trotz der einen oder anderen minimalen Einschränkung war es insgesamt wieder ein glanzvoller Auftritt. Mit einer stimmlich standfesten Kantorei (viel besser die Männerstimmen!). Mit einem Orchester, das der Partitur in ihre seelenvollen Verästelungen folgte und mit scheinbarer Mühelosigkeit klingende Herrlichkeit war. Und Solisten, von denen vor allem Dorothea Potter eine Zartheit bot, die unantastbar blieb (wunderbar auch im Duett mit Torsten Meyer) und Strahlkraft mitbrachte. Am Ende gab es den langen Applaus absolut verdient.

BARBARA KAISER


Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide vom 13.12.2016

Schmetternde Trompeten
Uelzener Kantorei führte Johann Sebastians Weihnachtsoratorium auf

Uelzen. Es begab sich aber zu der Zeit, dass in Uelzen an einem Tag gleich zwei musikalische Höhepunkte angeboten wurden und noch dazu mit gleicher Uhrzeit: Justus Frantz leitete in der Jabelmannhalle seine Philharmonie der Nationen und Erik Matz stand am 3. Adventssonntag in der St. Marienkirche als Dirigent vor dem Kammerorchester Uelzen und den Sängerinnen und Sängern der Kantorei Uelzen, um die ersten drei Teile des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach zu Gehör zu bringen.

Um es gleich zu sagen: Bach hat nicht darunter gelitten – die Sitzgelegenheiten in der Kirche waren restlos ausverkauft, schlimmer noch: Einige Plätze waren durch das Kassensystem doppelt vergeben worden. Doch die Probleme konnten zur Zufriedenheit aller gelöst werden.

Es war wieder einmal eine Glanzleistung, was Erik Matz mit Orchester und Chor bot. Es darf dabei nicht vergessen werden, dass es sich – mit Ausnahme der Gesangssolisten – bei allen Mitwirkenden um Amateure handelt. Und wenn dem geschulten Ohr vielleicht auch der eine oder andere Schnitzer aufgefallen sein sollte – er wäre lässlich vor dem Gesamteindruck dieser Darbietung der musikalischen Weihnachtsgeschichte.

Bach selber hat sein sechsteiliges Oratorium damals für die Zeit nach Weihnachten geschrieben – beginnend am ersten Weihnachtstag, endend am Tag der Heiligen Drei Könige. Der Advent stand unter dem Gedanken der Einkehr und Buße. Doch mittlerweile gehört das Weihnachtsoratorium in die Vorweihnachtszeit, gilt es als Einstimmung auf das Fest. Und das ist gut so.

Es war eine wunderschöne Einstimmung – alles passte: wohldosiert das Orchester, schmetternde Trompeten, weicher Streicherklang, betont gesetzte Paukenschläge und präzise der Chor. Dazu die nicht hoch genug zu lobenden Solisten: Dorothea Potter (gebürtig übrigens aus Hermannburg) ließ ihren Sopran mit Leichtigkeit in die Höhen klettern, Schirin Partowi glänzte mit einer warmen, ausdrucksstarken Alt-Stimme. Jörn Lindemann war der strahlende Tenor, Torsten Meyer (1973 in Veerßen geboren) erfüllte den Bass-Part volltönend mit Bravour - insgesamt war es eine Darbietung aus einem Guss, die zu Recht mit starkem Beifall belohnt wurde. Jetzt kann Weihnachten kommen.

FOLKERT FRELS


- Claude Debussy (1862 - 1918): En blanc et noir (1915– Suite für zwei Klaviere
- Béla Bartók (1881 - 1945): Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug (1937)
- Carl Orff (1895 – 1982)
(Samstag, 29.10.2016, 17.00 Uhr)

BK (30.10.2016)

Auf einen Schlag
Zwei Klaviere, viel Percussion plus vokale Verführung: Debussy, Bartók und Orff -Unerhörtes-Ungehörtes im Symphonischen Ring

Was für ein tosender Abend an rhythmischer Gewalt, befeuernder Eindringlichkeit und Sprengkraft! Ein Symphonischer Ring des Kulturkreises Uelzen im nahezu ausverkauften Theater an der Ilmenau – wann hat es das zuletzt gegeben? Bei diesem Musikfest waren jedoch auch beste Programmierer am Werk!

Obwohl ausschließlich Noten des 20. Jahrhunderts erklangen, kamen die Zuhörer geströmt. Ist das ein Beweis dafür, dass man es neben der ewigen Harmonie zwischen Mozart, Haydn, Schumann und Brahms auch einmal atonal und aufregend braucht? Offensichtlich. Und obwohl sich in der Pause der eine oder andere zuraunte, diese Musik sei „ja nicht seins“ – gekommen waren sie doch.

Es gab ein großes Aufgebot und Namen, die immer für musikalische Qualität stehen: Der Pianist Hinrich Alpers spielte mit seinem Freund und Kollegen Markus Becker an zwei Flügeln die Suite „En blanc et noir“ von Claude Debussy. Zur Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug gesellten sich die Musiker der „Elbtonal Percussion“. Ehe sich die St.-Marien-Kantorei zur ganz großen Kulisse für Carl Orff und „Carmina Burana“ aufstellte. Gespielt wurde die von Orff autorisierte instrumentale Fassung für zwei Klaviere und großes Schlagwerk.

Als Entree Claude Debussy: Seine 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, entstandene Suite trauert um den gefallenen Freund Jacques Carlot ebenso, wie sie den Hass gegen den „Erbfeind“ Deutschland mit Luthers „Feste Burg“ heraushämmert. Nebenbei: Es ist ein großes Glück und war vor hundert Jahren unvorstellbar, dass die zwei Nachbarvölker heute freundschaftlich und in Zusammenarbeit eng verbunden sind. Das könnte Hoffnung für andere Regionen machen…

Hinrich Alpers und Markus Becker an den Flügeln waren über die große räumliche Distanz in jeder Minute eng beieinander. Kein Zuruf blieb unbeantwortet. Gemeinsam erhoben sie sich aus der Düsternis des zweiten Satzes, um ein übermütiges Parlando zu absolvieren. Seltsamerweise in d-moll und trotzdem optimistisch. Weißes und Schwarzes eben, das eine im anderen bedenkend.

Zu Béla Bartóks Sonate hieß die Aufstellung danach 2:2, zwei Pianisten und für jeden einen Percussionisten dazu. Es sollte sich herausstellen, dass auch das Klavier letztlich nichts anderes als ein Schlaginstrument ist. Überhaupt waren die drei Sätze eine Demonstration von durch Schlag erzeugtem Klang, wobei sich das eine Instrument oft als Verlängerung des anderen erwies. Von schallfreudig bis dunkel, sehr rhythmisch und keinesfalls nur Lärm!

Die vier Musiker gestalteten Gespräche von ungeahnter Farbe. Irisierende Cluster imitierende Schlagwerker. Zerrissene Chromatik.

Ja, es machte richtig Spaß, zuzuhören, obwohl sich kaum eine Art Melodie aus dem Klangwust erhob. Die sichtbare Spielfreude der Akteure, die keinen Einsatz verpatzten und hochkonzentriert waren, teilte sich dem aufmerksamen Publikum mit. Im Saal herrschte (wenn mal einer nicht hustete), angespannte Stille angesichts dieser professionellen musikalischen Glaubwürdigkeit.

Nach der Pause der wahrscheinlich von den meisten Besuchern erwartete Höhepunkt:

„O Fortuna! Wie der Mond so veränderlich wachst du immer – oder schwindest! Schmähliches Leben!“ Die Kantorei hub an, donnernd irdisches Jammertal zu besingen, die Verse allerdings vor einem rotlichtilluminierten Hintergrund gestaltend. Vor rund 800 Jahren konnten diejenigen, die die Texte notierten, nur träumen von so viel lichter Freundlichkeit.

„Carmina Burana“ - Cantiones profanae – von Carl Orff: Gesänge von Liebe und Frühling, Weinseligkeit und Würfelspiel, zart und derb, innig und ausgelassen. Überliefert in gereimtem Scholarenlatein, graziösem Mittelhochdeutsch und Altfranzösisch. Erfüllt von einer Lust auf Leben, das außerhalb christlicher Geducktheit - nicht nur in den Klöstern - Erfüllung wollte und suchte.

Seit seiner Uraufführung im Jahr 1937 ist diese szenische Kantate wohl das populärste Stück E-Musik. Worüber man sich zumindest wundern darf, denn was sagten uns die Reime (in obendrein toten Sprachen) heute noch. Da sich aber die Zeit ändert, die Zeiten offenbar jedoch nicht, gewinnen wir dem Handlungsbogen vom Frühlingsfest mit Tanz auf dem Anger, den Trinkliedern, dem Trubel auf dem „Liebeshof“ mitsamt Huldigung der Göttin Venus doch einiges ab, denn es ist der ewige Kreis zwischen Glück und Unglück. Und die packende Klangkraft der Noten überzeugt den Zuhörer allemal.

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Die St.-Marien-Kantorei Uelzen und die Solisten Ina Heise (Sopran), André Kashmasmie (Tenor) und Andreas Beinhauer (Bariton) nahmen sich der Partitur unter der Stabführung von Erik Matz an. Herausgekommen ist ein beeindruckendes Spektakel; prall, sinnenfroh, versoffen, ketzerisch, erotisch und - energiehochgespannt. Damit blieb das Ensemble der Fähigkeit zur musikalischen Überwältigung treu.

Ein wie immer präziser Erik Matz am Pult setzte und schuf mit dieser Interpretation die Effekte, Effekte des Staunens, der Ehrfurcht, des Jubels natürlich. Energisch trieb er seine Sänger zu Höchstleistungen. Befürchtete man, deren Kraft würde nicht ausreichen für die Monumentalität der Chöre, blieb am Ende nur, den Irrtum zu erkennen. Höhensicher und geschmeidig ohne zu dröhnen, erstand klar artikulierte Beredsamkeit, fesselte der Chor mit dramatischen Akzenten und schöner Fülle.

altDer ungewohnte Text schien nicht das Problem gewesen zu sein. Die Sängerinnen und Sänger kamen hörbar und verständlich sogar mit dem Mittelhochdeutschen zurecht. Für die Zuhörer gab es eine Übersetzung im Programmheft. Die Schwierigkeiten der aufblühenden und abschwellenden Legati (im Instrumentalen nennt man das Chromatik) oder das Halten eines langen Tones im Extrembereich geht an die Grenzen gesanglichen Könnens, für Laien zumal. Die Rhythmik war übrigens auch nicht ohne, diese Zwiesprachen zwischen Schlagwerken, Klavieren und Chor. Aber: Es erklangen die zärtlichsten Pauken und die sanftesten Trommeln, immer auf dem Punkt die zwei Pianisten.

Die Solisten haben es mit der Partitur auch nicht leicht: Falsett für den Tenor, schwindelerregende Höhen für den Bariton, Schönklang für die Sopranistin. Nahezu ohne Schwächen absolvierten diese ihre Parts, unterstützt von wunderbar anschmiegsamen Instrumentalisten, die aber genauso schlagkräftig sein konnten.

altDie Kantorei sang mit mustergültiger, eloquenter Musikalität; die Männerstimmen nicht ganz so bestechend sicher wie die Frauen. Alle bewiesen jedoch letztlich Standvermögen, lyrische Pianokünste, hymnischen Ausdruck – kurz: sie gaben der Macht der Gefühle eine Stimme. Die Emphase dieser gesungenen  Lust und Leidenschaft, Klage und Weh und Freude nahm man ihnen ab.

Es ist vergebliche Müh`, die Stimmung dieses Auftritts in ein rezensorisches Fazit sperren zu wollen. Es war ein wunderbares, technisch bunt ausgemaltes Konzerterlebnis, an dessen Ende es langen Beifall für strahlende Solokünstler und Erik Matz gab, die, wie alle Akteure der Kantorei inklusive Kinderchor Hochachtung verdienten!

BARBARA KAISER


Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide vom 31.10.2016

Ein Konzert der besonderen Art
Kantorei St. Marien und die Solisten bieten im ausverkauften Theater einen wunderbaren Klassikabend

Uelzen.„Was will der Matz denn bloß im nächsten Jahr noch bringen? Das hier ist doch nicht zu toppen!“ So eine Besucherin des Konzerts am Sonnabendabend beim Hinausgehen. „Das hier“, damit meinte sie die Aufführung der „Carmina Burana“, der Beurener Lieder, die Carl Orff 1934 für sich entdeckte und darauf sein eigenes epochales Chorwerk schuf. Und ja, es war einfach wunderbar, was Chor und Kinderchor der St,-Marien-Kantorei unter der Leitung von Erik Matz vortrugen.

Mit der genialen Schlagwerk-Unterstützung der vier Klangkünstler von „Elbtonal-Percussion“, begleitet von Hinrich Alpers und Markus Becker am Klavier sowie den Gesangssolisten Ina Heise (Sopran), André Kashmasmie (Tenor) und Andreas Beinhauer (Bariton) wurde den Besuchern ein Konzert der besonderen Art geboten. Selten ist das Theater an der Ilmenau wie diesmal ausverkauft. Umso weniger verständlich, dass die Theater-Gastronomie bei einem vollen Haus meinte, mit einer Theke auskommen zu können und die Ausschank-Möglichkeiten im Theaterkeller nicht nutzte.

Die „Carmina Burana“, wie sie am Sonnabend gesungen wurden, bestanden aus drei Teilen. Speziell die Texte zu den Liedern des „Cour d´amour“, des Hofes der Liebe, bereiteten Carl Orff während der Nazi-Zeit Probleme. Galten Zeilen wie „Gebe Gott, geben´s die Götter, was ich mir hab´ vorgesetzt: Das sich ihrer Jungfernschaft Fesseln noch entriegle ...“ den damaligen Sittenwächtern als sehr schlüpfrig. Kaum enden wollender Beifall am Schluss belohnte die mehr als 80 Chormitglieder sowie die sie begleitenden Musiker und Gesangssolisten für diesen Abend, an dem nicht nur die „Carmina Burana“ im Programmheft stand.

Hinrich Alpers gab zu Beginn eine Einführung in Claude Debussys 1915 entstandene Suite für zwei Klaviere „En blanc et noir. Der Hinweis war auch nötig, denn im zweiten Satz machte Debussy seine Verbitterung, seinen Hass auf die deutschen Weltkriegs-Aggressoren deutlich, indem er darin Zitate versteckte. Mit Anklängen von „Ein feste Burg“ soll auf die von Kaiser Wilhelm II. gen Frankreich Soldaten verwiesen werden. Hinrich Alpers und der auch durch seine Jazz-Improvisationen bekannte Markus Becker saßen sich an ihren Flügeln gegenüber und spielten mit viel Hingabe und Liebe diese Suite, die von Kontrasten und Sich-ergänzen geprägt ist.

Der zweite Teil des Programmes vor der Pause gehörte Béla Bartók und seiner 1937 komponierten „Sonate für zwei Klaviere und Schlagwerk“. Andrej Kauffmann (Pauken) und Sönke Schreiber (Kleine Trommel, Xylophon und Triangel) von „Elbtonal“ gesellten sich zu den beiden Pianisten und gaben der atmosphärischen Musik Bartóks Drive und Rhythmus. Ein ungewöhnliches Stück, musikalisch hervorragend dargeboten.

FOLKERT FRELS


Sommerkonzerte 2016


Orgelkonzert

Joachim Vogelsänger  (Orgel)

(Samstag, 20.08.2016, 16.45 Uhr)

BK (21.08.2016)

Allegro con fuoco

Organist Joachim Vogelsänger gastierte im achten St.-Marien-Sommerkonzert

Die Ohren wollten sich weiten für diese Klänge! Dabei hatte man als normaler, eher kirchenferner Konzertbesucher den Namen dieses Komponisten zuvor noch nicht einmal gehört: Julius Reubke. Geboren 1834 als Sohn eines Orgelbauers in Quedlinburg, Schüler von Franz Liszt in Weimar, gestorben mit nur 24 Jahren in Pillnitz bei Dresden. Und doch welch Werk: die Große Sonate c-moll „Der 94. Psalm“.

altJoachim Vogelsänger, Kirchenmusikdirektor im Sprengel Lüneburg, Kantor an St. Johannis in der Salzstadt, war zu Gast im achten Sommerkonzert von St. Marien und er spielte die Orgel mit Kühnheit.

Vogelsänger begann zunächst mit Johann Sebastian Bach und dessen Fantasie und Fuge g-moll (BWV 542). Das Werk entstand 1720 in Köthen, als der gerade verwitwete Meister  um die vakante Organistenstelle in Hamburg sich zu bewerben beabsichtigte. Die Fantasie: Groß angelegt und mit geweiteter Harmonik, emotional intensiviert mit dem Auftakt einer bassgestützten Linie über mehrere Oktaven in 32-teln. Die Fuge: Vielleicht eine Verbeugung vor dem greisen Amtsinhaber in Hamburg, dem Niederländer Reineke, denn ihr Thema kelterte Bach aus dem Volkslied „Ick ben gegroet“. Das Ergebnis tanznah und von herzhaft-fröhlicher  Beweglichkeit.

Genauso spielte Vogelsänger. Die Fantasie irrend, fragend, ohne sich, bis die Fuge glasklar hervortritt, in den schnellen Noten zu verwirren. Der Solist war ziemlich schnell aber wunderschön unterwegs. Man hielt sich als Zuhörer an den Haupt-Thema-Tönen fest und warf sich im Übrigen dem Klangwust zu Füßen. Oder in die Arme. Joachim Vogelsänger geleitete einen sicher ans Ende.

Danach Max Reger, an dem in dessen Jubiläumsjahr kein Organist vorbeizukommen scheint. „Neun Stücke für Orgel“ op. 129. Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieses Spiel mit den verschiedenen Formen nur mäßig fesselte, was allerdings nicht am Solisten lag. Die „Neun Stücke“ sind so gar nicht typisch Reger, sondern aphoristisch kurz. Sie sind ernst, melancholisch auch, ohne das sonst übliche himmelstürmende Pathos. Es gibt nur ganz wenige Forte-Ausbrüche. Diese Atmosphäre der Reflexion steht obendrein in acht der neun Petitessen in Moll.

Der Mann an der Orgel ließ die Spannung aus sich selbst heraus wachsen und fächerte mit Sensibilität das Gefühl zwischen Toccata (Nr.1) und zweiter Fuge (Nr. 9) auf. Der 59-Jährige hielt den Riesenapparat seines Instruments stets präzise und transparent, das Versunkene nicht zu dunkel, das Lichte nicht zu ausufernd.

Danach der eingangs erwähnte Julius Reubke. Für Vogelsänger Gelegenheit  eines charismatischen Ausflug! Dankenswerter Weise hatte Erik Matz auf den Programmzettel den Text des 94. Psalms drucken lassen und die Satztempi zu den Textpassagen gestellt. Nebenbei: Überhaupt ist insgesamt zu sagen, dass dieses kleine gelbe Blatt die Sommerkonzerte stets anreicherte mit Informationen und exakten Angaben zum Programm (was keineswegs überall selbstverständlich ist!).

Die 25 Minuten Reubke-Non-Stopp begannen im Grave und - „Herr Gott, des die Rache ist… erscheine!“ - mit Beschwörung. Drohend, Unheil kündend. Das Larghetto baute dann schon das Allegro con fuoco auf, das fragt: „Herr, wie lange sollen die Gottlosen prahlen? Witwen und Fremdlinge erwürgen sie und töten Waisen…“ Die Musik rollte wie ein Tsunami heran und überwältigte letztlich alles. So klingt Apokalypse – oder die ehrliche Empörung ewig Benachteiligter.

Der Organist wühlte und wagte Dramatik, brachte Farben bis ins Grelle zum Leuchten, nirgendwo romantische Glätte. Er musizierte in wunderbar flüssigem Ton. „Gott hat kein Gesicht, aber einen Klang“, versicherte der Tenor Jochen Kowalski einst. Hier klang er mit.

Dazwischen fand sich die Musik in ein schlichtes, hoffnungsvolles Adagio – „Wo der Herr mir nicht hülfe, so läge meine Seele schier in der Stille. Ich hatte viele Bekümmernisse in meinem Herzen; aber deine Tröstungen ergötzeten meine Seele.“ Der Einbruch ins Lento entschloss sich dennoch, hell auszugehen.

Satz drei war ein punktiertes „Aber der Herr ist mein Schutz…“. Allegro bis zum selbstbewussten „Und er wird ihnen ihr Unrecht vergelten…“. Triumph. Ende. Wow!

Das war ein Orgelkonzert zahlloser Farben und voller Abwechslung. Mit einem Solisten, der im Bewusstsein für Spannungs- und Formverläufe und voller Leidenschaft zu musizieren wusste; das alles weder akademisch blass, noch auf naive Spielfreude beschränkt. Vogelsänger blieb nichts schuldig, was Musik lebendig macht. Bravo.

Für die neun Konzerte werden am Ende rund 900 Besucher zu summieren sein. Kantor Erik Matz ist zufrieden. Aber immerhin hat`s für diesen Erfolg in Uelzen mehr als 20 Jahre gebraucht. Und er kam erst so richtig in Schwung, als es nach der Musik auf die Eintrittskarte (dank Ratsweinhandlung) noch ein Glas Wein gab.

BARBARA KAISER


„Original, Variation und Bearbeitung”

Christoph Schoener (Orgel)

(Samstag, 06.08.2016, 16.45 Uhr)

BK (07.08.2016)

Barock versus Romantik

Christoph Schoener gastierte im 6. St.-Marien-Sommerkonzert mit Bach und Brahms

altChristoph Schoener ist stolz – und hat dafür allen Grund -, obwohl er sich bescheiden gibt. Seine CD-Einspielung mit allen fünf Toccaten von Johann Sebastian Bach erhält in diesem Jahr eine Echo-Klassik-Prämiierung! Endlich hat es diese Instrumentalmusik einmal getroffen und Schoener hofft, so sagt er, dass sich die Ehrung auch in einem vermehrten Interesse für die Königin aller Instrumente niederschlüge.

Wie oft der Hamburger Kirchenmusikdirektor (seit 1998) schon in Uelzen gespielt hat, weiß er nicht. Vor fünf Jahren antwortete er auf eine darauf zielende Frage vage mit „Es war oft!“ Auf jeden Fall aber ist Schoener ein gern gesehener Gast in St. Marien, rund 80 Zuhörer kamen zum 6. Sommerkonzert mit ihm, in dem er natürlich eine der ausgezeichneten Toccaten spielte.

Diese in d-moll (BWV 565) ist mit gerade einmal zweieinhalb Minuten die kürzeste und dennoch, so knapp und drangvoll, dem Publikum das populärste Stück für Orgel überhaupt.

Norddeutsch, von Buxtehude inspiriert, bildet sie den erregend-kontrastreichen Rahmen für die Fuge, die sich aus dem eröffnenden Toccaten-Motiv ableitet. Dieses geniale Frühwerk Bachs sucht seinesgleichen.

Besser also konnte man kein Konzert beginnen! Christoph Schoener setzte den Signalruf des Beginns und das fein Ziselierte der Fuge glockenrein um. Brillante Klänge – zum Leuchten gebracht. Danach  weitere Noten des Barock-Giganten: „Aria varianta alla maniera italiana“ BWV 989. Ein zweiter Variationszyklus neben den

„Goldberg-Variationen“. Zehn kleine Behandlungen eines zierlichen Moderato-Themas in der Tonart a-moll.

Der Komponist schickt die Noten zwischen kokettem Presto, vollem Allegro, schöner Chromatik und Spitzentanzsound hin und her. Schoener meisterte diese Vorgabe spiellocker und kultiviert mit Momenten voller Innigkeit. Er tanzte das Thema auf den Pedalen erfrischend leichtfüßig – und das im Wortsinne – und  hielt die Temperatur zwischen Trillern, Synkopen und fugenartigem Espressivo im Zaum.

Dann der Beweis, wie modern  Bach vor 250 Jahren  komponierte: „Chromatische Fantasie und Fuge d-moll“ BWV 903 in der Orgelfassung von Max Reger. Der begnadete Glenn Gould hielt diese Noten für das „schlechteste Stück Bachs“. Vielleicht mag man ihm zustimmen, wenn man sich an der Strenge seiner Polyphonie orientiert; denn hier nämlich gibt sich der Meister sehr ungebunden.

Wie sich da Barock und Spätromantik zum Stelldichein aufmachten, ergab ein Stück Musik ohne Bombast, auch als es am Ende „Regersch“ wird. Man fragte sich, wohin die Aufs und Abs noch wollen und wann Tempo nicht mehr zu steigern sein würde. Diese Fantasie arbeitete so, dass der Zuhörer auf dem Sprung blieb: Wann geht es los? Bis die Fuge zart und melodisch anhub, bis auch sie die Romantik überwältigte.

Christoph Schoener führte die Sinuskurven der Läufe zu Beginn blank vors Ohr des Zuhörers, blieb auch im wütenden Klangwust übersichtlich. Er vergab die Chance zu prickelndem Drive und spielerischer Schönheit an keiner Stelle, alles hatte Profil und Charakter, besaß ein ausgeprägtes Differenzierungsvermögen.

Zur Besänftigung der Ohren folgte „Erbarm dich mein, o Herre Gott“ BWV 721. Ehe mit Johannes Brahms noch einmal ein Romantiker zu Wort kam. Dessen Variationen über ein Thema von Haydn op. 56a ist eigentlich ein Bläserchoral. Schoener spielte eine Orgelfassung des Schweizers  Lionel Rogg (*1936).

Der Solist füllte auch dabei das sensible Innenleben der Partituren jenseits jeglicher Kapriolen bewegend aus. Demonstrierte, wie es Brahms selber immer verstand: Seine Musik sei stets eine sich „entwickelnde Variation“.

Das pastorale Thema wurde zuerst mit Akzentverschiebung gegen den Strich gebürstet, um es danach in Akkorde zu wuchten, legato zu malen, im Presto hüpfen zu lassen. Elegisch oder wuselnd – enden wird es in opulentem Geschmetter und dennoch die Zierlichkeit des Anfangs repetierend.

Das Spiel Schoeners blieb die ganzen 60 Minuten lang beredt und voller Schwung. Mit Forte-Ballungen und Pianissimi in anrührendem Tempo, mit stolzer Eleganz und graziöser Leichtigkeit. Immer von falsch romantisierenden Aufwallungen freigehalten. Es war ein inspirierender Konzertfrühabend. Weil: „Musik nicht nur Notenspiel, sondern das Feuer einer Begegnung“ ist, wie es der Rektor der Musikhochschule Weimar, Christoph Stölzel, kürzlich im Interview gesagt hatte. Die Begegnung setzte Schoener wie immer danach beim Glas Wein mit seinem Publikum fort.

BARBARA KAISER


Konzert für Saxophon und Orgel

Frank Lunte (Saxophon), Henning Münther (Orgel)

(Samstag, 30.07.2016, 16.45 Uhr)

BK (31.07.2016)

Ein Sound zum Niederknien

5. St.-Marien-Sommerkonzert mit Saxophon und Orgel

altFrank Lunte und Henning Münther waren im fünften St.-Marien-Sommerkonzert zu Gast, spielten sich durch musikalische Weltliteratur und stellen die Autorin dieser Zeilen vor die  unlösbare Aufgabe, mit anderen und vielen Worten zu sagen, wie wunderbar es war. Orgel und Saxophon (es sträubt sich die Tastatur, dieses Zauberinstrument nach der neuen Rechtschreibung mit „f“ zu setzen!) – was für eine Paarung!

Es können mehr als 100 Besucher gewesen sein und Programme fürs Konzert mussten eilig nachgedruckt werden. Das Duo Lunte/Münther hat in dieser Stadt einen Klang, der Qualität, Abwechslung und Virtuosität verheißt. Dieses frühere Versprechen lösten die zwei Instrumentalisten wiederum ein.

Was eine Orgel kann, weiß jeder. Sie stellt zwischen zartem Glockenspiel und Donars Donner alles. Ein Saxophon ist jedoch genauso wenig zu verachten; besitzt es doch die Fähigkeit zu schluchzen, zu spotten, zu schmachten. Was aber Orgel und Saxophon im Duett zu leisten vermögen – war phänomenal!

Es ließe sich episch lang schwärmen. Über die sanft-weichen Ansätze des Saxophonisten, seine Läufe voller Leichtigkeit oder ein elegisches Legato, das bedenkend traurig  daher kommt, aber an keiner Stelle sentimental ist. Über eine Orgel, die trotz brillanter Schnörkel nie dominieren will. Das Zusammenspiel von Lunte und Münther  passierte auf den Punkt.  Traumwandlerisch sicher musizierte das Duo mit Humor, Verve und ganz, ganz großem Können.

Mit einer faszinierenden Instrumentierung der bekannten Stücke  entfalteten die zwei Solisten die ganze Sinnlichkeit der Noten. Wie konnte man beispielsweise den Walzer Nr. 2 von Dmitri Schostakowitsch davor anders denken als in dieser Paarung? Das totgespielte Stück erwachte zu neuem Leben, stellte neue Nuancen vors Ohr. Im schönen Humm-Ta-Ta der Drehorgel – man dachte an Dr. Schiwago, nicht an die selbstvergessene Wiener Walzerseligkeit. Das hatte Fröhlichkeit und russische Schwermut gleichermaßen.

Frank Lunte und Henning Münther spielten sich durch Noten des 19. und 20. Jahrhunderts. An der Orgel ein sanft gleitender „Schwan“ von Camille Saint-Saëns, Münther hielt das dazu gehörende Wellengeplätscher nahezu lautlos. Am Saxophon „Le Carnaval de Venise“ von Franck de la Méche (*1968), das wir als „Mein Hut, der hat drei Ecken kennen“. Lunte spielte die Variationen als wüste Chromatik, augenzwinkerndes Moll-Andante, das unmittelbar darauf ins Prestissimo davonraste.

Als wäre es füreinander komponiert, erklang ein Medley aus Leonard Bernsteins „Candide“ – das ist der, der nach Voltaire die beste aller Welten sucht -, dem „Jupiter“ aus Gustav Holsts „Planeten“-Musik, das „Star Wars“-Film-Thema und Edgar Elgars „March Nr 1“ aus „Pomp and Circumstance“.

Davor hatte Henning Münther seinen Soloauftritt mit der Toccata in h von Eugéne Gigout (1844 bis 1925). Sich wiederholende Erkenntnis: Die französischen Orgelkomponisten können es eben am besten! Henning Münther aber auch.

Uneitel, hochvirtuos, handwerklich geerdet. Nie akademisch, sondern farbig, lebhaft und plastisch – es fiele einem noch mehr Lobendes ein zu diesem fünften St.-Marien-Sommerkonzert.

Zum Schluss gab es Noten zum Dahinschmelzen: Drei Titel aus der „West Side Story“. Es war mucksmäuschenstill in der Kirche, ehe das Saxophon den ersten Ton von „Maria“ intonierte. Voller Zärtlichkeit, anrührend, zum Niederknien oder Augen schließen. Das flott-lärmende „America“ vollendete eine Stunde, die weiterer, eigentlich überflüssiger Beweis war, was Musik mit uns zu machen in der Lage ist. Langer, langer Beifall am Ende.

BARBARA KAISER


"Jubilare 2016”

David Schollmeyer (Orgel)

(Samstag, 23.07.2016, 16.45 Uhr)

BK (23.07.2016)

Ereignis mit Jubilaren

David Schollmeyer spielte das 4. St.-Marien-Sommerkonzert

altDer Organist David Schollmeyer ist immer für Superlative gut. Er gilt als ein Interpret von suggestiver Überzeugungskraft, ein Meister des exquisiten Klangkolorits, der mit Effekten kalkuliert und ein Tastenfeuerwerk in bestechender Klarheit abzuliefern in der Lage ist. So kennen ihn die Zuhörer in der Region – so stellte er sich im vierten Sommerkonzert in St. Marien erneut vor.

Der 44-Jährige, in der Lutherstadt Wittenberg gebürtig, vielen noch bekannt von seiner bis 2000 währenden Tätigkeit an der Klosterkirche Ebstorf, ist inzwischen, nach Buchholz in der Nordheide, in der Großen Kirche Bremerhaven als Kantor angekommen.

Für sein wiederholtes Gastspiel in Uelzen nahm er sich komplizierte Noten vor, die er mit Entschiedenheit, Energie und Souveränität gegenüber den Partituren meisterte. Es waren Kompositionen von Jubilaren des Jahres 2016.

Natürlich geht da allen anderen Max Reger voran, dessen 100. Todestags zu gedenken ist. Aber auch weniger prominente Orgelmusikschreiber kamen bei Schollmeyer zu ihrem Recht, er entriss sie dankenswerter Weise wenigstens für diese eine Konzertstunde dem Vergessen.

Jean Langlais und Gaston Litaize sind seit 25 Jahren tot; die verbindende Besonderheit der Franzosen: Sie waren beide blind. Langlais, 1907 in der Bretagne geboren und 1991in Paris gestorben, erblindete im zweiten Lebensjahr. Litaize, zwei Jahre jünger, war von Geburt an ohne Augenlicht. Der vierte Jubilar: das Geburtstagskind Zsolt Gárdonyi, nicht zu verwechseln mit Zoltán Gárdonyi, der sein Vater ist; der Ungar wird in diesem Jahr siebzig.

Zu Beginn, zum Aufwärmen sozusagen, von Jean Langlais Stücke aus seiner „Suite Médiévale“, Zeitsprung ins Mittelalter, geschrieben 1945. Wahrscheinlich nicht zufällig.

Schollmeyer erwies sich nicht nur hier als ein Interpret, der das fein ausgehörte Darbieten  beherrscht. Die fünf folgenden Choralvorspiele (op. 67) von Max Reger blieben andächtig bis auf das letzte („Lobe den Herrn“), das mit romantischer Wucht und Ballung die rund 70 Zuhörer aufrüttelte.

Zsolt Gárdonyi kennt David Schollmeyer persönlich; er spielt auch auf dessen Homepage einige Stücke ein. Dass der Mann ein Jazz-Fan ist, hätte nicht angesagt werden müssen. Seine „Mozart Changes“, „Be thou my vision“ und „EGATOP“ waren zwischen zierlichem Rokoko-Sound und Boogie-Woogie alles, was die Skala hergibt. Synkopisch, flott, mit Lässigkeit oder licht-hoffnungsfrohes, choralartiges Andante. Sage nie mehr einer was gegen moderne Musik!

Die nächsten fünf Choralvorspiele von Reger machten nach so viel Munterkeit nahezu gähnen, riefen zu Ordnung und Einkehr. Aber: Zum Abschluss standen Gaston Litaize und sein „Prélude et Danse Fuguée“, das der Komponist im Jahr 1964 für den Orgelwettbewerb des Pariser Konservatoriums schrieb, auf dem Programm. Welche Töne! Die Fuge eine Rumba, durch die man erstmal hindurchhören muss.

Der Mann an der Orgel bezauberte durch ein virtuoses Tastenfeuerwerk in bestechender Klarheit, alle Gewalt dieses großartigen Instruments entfesselnd. Ein Klangmonument rasender Tonleitern, von kaum zu übertreffendem hohen Niveau und Schwierigkeitsgrad. Eine „Tour de France“ für jeden Instrumentalisten. Schollmeyer wieselte über Tasten und Pedale, wühlte, schraubte sich durch Chromatik, benötigte nahezu alle Register, bis das Ganze im Fortissimo-Lärm endete. Der Organist gab alles; war ein handwerklich geerdeter Wirbelwind, der das Konzert auf diese Art fulminant abschloss. Uneitel und strahlend.

Am kommenden Samstag, 30. Juli, um 16.45 Uhr, sind Frank Lunte (Saxofon) und Henning Münther (Orgel) zu Gast im fünften Sommerkonzert. Übrigens auch keine Unbekannten mehr.

BARBARA KAISER


Triokonzert
Carola Schaal (Klarinette), Sonja Lena Schmid (Cello), Anne von Twardowski (Klavier)

(Samstag, 16.07.2016, 16.45 Uhr)

BK (18.07.2016)

Kammermusikalisches

Im 3. St.- Marien-Sommerkonzert ergaben Klavier, Violoncello und Klarinette das Trio

altAuf der einen Seite hätte man als Zuhörer Gefälligeres erwartet im 3. Sommerkonzert in St. Marien. Anne-Monika von Twardowski, Sonja Lena Schmid und Carola Schaal waren aus Hamburg zu Gast. Andererseits will man ja eine Veranstaltung nicht unbedingt dümmer oder ohne neue Erfahrung verlassen. So gesehen bot das Trio Klavier, Violoncello und Klarinette  Ungewöhnliches, obwohl seine Akteure nicht wussten, dass die Latte in der Rubrik Kammermusik in dieser Region durch die Internationale Sommerakademie auf hohem Niveau liegt; vor allem, was die Interpretation, das funkelnde Darbieten der Partituren angeht.

Und so war folgerichtig die Sonate für Violoncello und Klavier von Claude Debussy gewöhnungsbedürftig. Auch akustisch, denn für diese kleine Form scheint das riesige Kirchenschiff doch zu gewaltig. Obwohl Anne-Monika von Twardowski am Flügel und Sonja Lena Schmid am Cello sichtbar aufeinander hörten in ihrem Spiel, es fehlte dem doch an Zartheit, alles kam ein wenig robust daher. Die impressionistische Intimität zerflatterte auch durch willkürliche Lautstärken irgendwo im Hohen Chor.

Danach Klarinette solo. Carola Schaal gab dazu eine Einführung, so dass man nicht zu sehr enttäuscht war, als nicht das übliche Klangbild ertönte. Der Italiener Salvatore Sciarrino (*1947) schrieb diese Traumreise, die eher ein Albtraum ist, im Jahr 1982. „Let me die before I wake“ lautet ihr Titel, „Lass mich sterben, ehe ich aufwache“. Na gut.

Sciarrino beschäftigte sich in seiner musikalischen Laufbahn mit Obertönen, dem Klang und der „Farbe“ von Musik. Übrigens schrieb er auch eine Oper nach einer Kafka-Parabel – so irritierend wie dieser Dichter war dann auch das Klarinettenstück. Ich zumindest blieb an dieser Stelle recht unbeteiligt.

Ganz anders danach „Danzas argentinas“ op. 2 von Alberto Ginastera (1916 bis 1983) aus dem Jahr 1937. Diese drei Klavierstücke verbinden traditionellen argentinischen Drive mit moderner Harmonik zu rhythmischer Prägnanz mit freier Tonalität. Und trotzdem sind für den Zuhörer die Noten motivisch, melodisch und harmonisch nachvollziehbar, wenn die Pianistin den „Alten Kuhhirten“ auftreten lässt oder „Die Schöne vom Lande“, wenn sich dann der „Cowboy“ vor ihr spreizt und gockelt. Twardowski imaginiert auf schöne Weise diese Szenen, mal träumerisch, voller Sehnsucht, mal mit Pferdegetrappel, Saloon-Musik und Peitschenknall. Hier ein rhythmisches Presto, dort ein weiches Andante. Ein interessantes wie plastisches Stück für die Ohren.

Am Ende agierten die drei Musikerinnen endlich gemeinsam im Klarinetten-Trio a-moll op. 114 von Johannes Brahms. Jetzt plötzlich füllten sie auch den großen Raum. Dieses Trio ist zwar der übliche romantische Eintopf, aber auch Entschädigung für die Experimente davor. Wunderbare Klarinettenläufe, dramatische Klavierakkorde, ein düsteres Cello dazu. Im Adagio des zweiten Satzes erhält jeder Instrumentalist seinen Solo-Part. Vielleicht nimmt das Ensemble das Andantino grazioso in Satz drei ein bisschen zu schwermütig, es hat das Grobe des Ländlers anstatt den Duft eines Scherzos. Manchmal wundert man sich auch über die Phrasierungen, aber wie gesagt: In dieser kleinen Form haben alle Musiker hier eine schwer zu überwindende Konkurrenz.

Trotzdem gab`s am Ende dankbaren Beifall der rund 65 Zuhörer.

BARBARA KAISER


„Hommage an Max Reger“

Erik Matz (Orgel)

(Samstag, 09.07.2016, 16.45 Uhr)

BK (10.07.2016)

Vivat Reger!

Erik Matz gedachte im 2. St.-Marien-Sommerkonzert des 100. Todestages dieses Komponisten

Max Reger war ein exzessiver Arbeiter und sein Foto gibt Auskunft, dass er zudem nicht gesund gelebt haben kann. Er war erst 43 Jahre alt (noch zwei Jahre jünger als Schiller, obgleich älter als Schubert), als er im Juni 1916 in einem Leipziger Hotelzimmer starb. Der Komponist, ein Traditionalist zwischen Spätromantik (Mahler) und Moderne (Schönberg, Skrjabin), arbeitete sich an allen seinen musikalischen Vorgängern ab. Besonders an Bach. Und er sagte einmal, dass er alles, alles eben diesem Tonsetzer-Kollegen verdanke.

altAn Max Reger, an den Mann der manischen  Produktivität – „Accord-Arbeiter“ nannte er sich selbst – erinnerte nun Kantor Erik Matz im zweiten Sommerkonzert in St. Marien. Rund 60 Zuhörer waren zu diesem Orgelkonzert gekommen.

Regers Orgelwerke oszillieren zwischen dramatisch aufbrausend und melancholisch resignativ. Zunächst begann Matz jedoch aus gutem Grund mit Johann Sebastian Bach, mit Präludium und Fuge a-moll (BWV 543). Er ging es luftig und flott an, wobei ihm seine Orgel natürlich entgegenkommt. Bei einer barocken à la Silbermann bliebe solche Klarheit auf der Strecke. Erik Matz bewahrte auch der Fuge eine wunderbare Durchhörbarkeit; es war Hörgenuss.

Erik Matz weiß, dass eben dieses Stück Musik zu meinen Favoriten zählt, aber deshalb hat er es natürlich nicht gespielt. Sondern weil Reger in „12 Stücke“ op.80 seiner Fuge ein paar Töne aus der Bachschen verpasste. Nach der lichten, barocken Feier – die Düsternis, das Dschungelhafte, die Tonsätze voller harmonischer Wucherungen von Max Reger. Matz brachte die Nummern Präludium (1), Toccata (11), Romanze (8) und Fuge (12). Warum er Toccata und Fuge durch die Romanze unterbrach, wird sein Geheimnis bleiben.

Der Organist ist kein Zauderer, was das Tempo angeht. Auch die Regersche Fuge hält er schön nachhörbar. Und dennoch erreichen die Noten nicht den Jubel ihres Vorbilds. Man hatte Reger einmal für sein Orgelspiel gerügt. Im Jahr 1902 schrieb er empört in einem Brief: „Nun ist mir bedeutet worden, ich dürfe nicht mehr spielen, da dadurch die Leute in ihrer Andacht gestört würden, kein Mensch mehr beten könnte.“ Es mag etwas daran sein, denn die Klänge von der Empore vibrieren im Zwerchfell, lassen auch das Kirchengestühl leise mitschwingen.

Zur allgemeinen Beruhigung danach: Dietrich Buxtehude und das Choralvorspiel „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“. Dann stehen aus “Sieben Stücke für Orgel“, das der Komponist im Jahr 1916 vollendete, „Dankpsalm“, „Pfingsten“ und „Siegesfeier“ auf dem Programm.

Es ist ein ungeheurer Klangwust, in dem Erik Matz zu jedem Augenblick die Übersicht behält. Er spielte voller Besessenheit, Angebote zur Mäßigung ablehnend, jedoch ohne Schaum und Attitüde. Die Riesenhaftigkeit des Tumults überwältigte den Zuhörer. Matz` Spiel folgt weniger einer Rationalität, sondern viel mehr den Gefühlsgewalten einer verletzlichen Seele. Trotzdem aber mit der Gewissheit, dass im Chaos Klarheit möglich bleiben muss. Zu bedenken: Reger schrieb diese Musik mitten im I. Weltkrieg. (Während  Emmerich Kálmán „Die Csárdásfürstin“ – 1915 - komponierte!)

Kantor Erik Matz lieferte eine furiose Orgel-Stunde ab, vital und strukturerhellend. Mit erzählerischem Feuer und leidenschaftlichem Ausdruck. Dafür bekam er langen Beifall.

BARBARA KAISER


Better is Peace!
- Karl Jenkins (geb 1944): The Armed Man: A Mass for Peace
- John Rutter (geb. 1945): Mass of the Children
(Sonntag, 22.05.2016, 17.00 Uhr)

www.barftgaans.de/feuilleton-im-netz (24.05.2016)

Schrei nach Frieden

St.-Marien-Kantorei mit beeindruckender Aufführung eines Friedenskonzerts

Was schreibt man über ein Konzert, das einen tief beeindruckte und eigentlich sprachlos zurückließ? Sowieso ist, sich über Musik verbal äußern zu müssen, immer ein bisschen wie des Kaisers neue Kleider. Oder wie Goethe: „Wenn ihr`s nicht fühlt, ihr werdet`s nicht erjagen/ Wenn es nicht aus der Seele dringt…/ Die Herzen  aller Hörer zwingt…“

Bezwungen saßen die Zuhörer am Schluss dieses großartigen „Friedenskonzerts“, zu dem Kantor Erik Matz seine Kantorei mit den Solisten Heike Hallaschka und Stefan Adam und einem Projektorchester zusammengebracht hatte. Auf dem Programm: Karl Jenkins „The armed man: A mass for peace“ und John Rutter „Mass of the children“.

Vor allem der Jenkins ist Beleg dafür, dass Kunst keineswegs nur Erkenntnismöglichkeit zweiten Ranges ist, wie es deutsche Befindlichkeit durch die Jahrhunderte schleppte und gegen die sich erst Heinrich Mann mit seiner Ästhetik wehrte.

Der Frieden in dieser Welt ist fragil wie seit langem nicht. Seit die unwiederholbare Chance der 1990er Jahre nach dem Zusammenbruch der Blöcke des Kalten Krieges ausgeschlagen wurde, eine bessere, gerechtere, friedlichere Erde zu gestalten, summieren sich bewaffnete Auseinandersetzungen, 60 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht, die Hälfte davon Kinder. Das Internationale Institut für Konfliktforschung zählte im vergangenen Jahr 19 Kriege weltweit, dazu 409 Konflikte, von denen 223 mit Waffen ausgetragen werden. -

Es ist also kein Wunder, dass Erik Matz ausgerechnet diese Partituren aufs Pult legte. Die Aufführung in der St.-Marien-Kirche war nahezu ausverkauft. Das große Publikum konnte sich der Wucht und Wirkung dieser Noten nicht entziehen.

Der Komponist Karl Jenkins (*1944) ist Waliser und seine Komposition ist ein Auftragswerk des Königlichen Waffenmuseums Großbritannien. Gewidmet wurde die Messe letztlich den Opfern des Balkankrieges, in dem ja auch die Bundesrepublik Deutschland mit Bombardierungen den Bann brach, nie wieder in einen Krieg ziehen zu wollen, die Bundeswehr eine reine Verteidigungsarmee bleiben zu lassen.

Die „Messe für den Frieden“ stellt Texte katholischer Liturgien neben ein altes Soldatenlied aus dem 15. Jahrhundert und Reime aus einem indischen Epos, es vertont Psalmen und Verse aus der Offenbarung Johannes und verbindet einen Augenzeugenbericht des Atombombenabwurfs von Hiroshima mit dem Muezzin-Ruf in arabischer Sprache.

Erik Matz war mutig genug, auf diese Weise die verschiedenen Religionen in eine protestantische Kirche zu holen. Anderswo gab es bei Aufführungen deshalb wütende Proteste, auch Matz hat sich dafür kritisieren lassen müssen. Bedenkt man jedoch, dass beispielweise der Stellvertreter des katholischen Passionsspielleiters Christian Stückl im oberbayrischen Oberammergau mit Abdullah Kenan Karaca ein Muslim ist – dann wurde es Zeit für derlei Zusammengehen.

Die Kantorei stand vor der schwierigen Aufgabe, mehrsprachig singen zu müssen.  Französisch, Latein und Englisch standen auf dem Programm; für den kurzen arabischen Part konnte man Hadi Öztürk, einen Koran-Rezitator aus Hamburg, verpflichten.

„L´homme armé“ ist ein 550 Jahre altes anonymes Soldatenlied: „Der bewaffnete Mann – sollte er nicht gefürchtet werden?“ heißt es darin. Die Musik beginnt mit leisem Trommelschlag und der Piccoloflöte, einen Militärmarsch nachempfindend. Daraus entwickelt sich ein Wahnsinns-Crescendo, das den Atem stocken lässt und Angst macht. Das „Allahu akbar!“ danach ist Kontrapunkt zum folgenden „Kyrie“, in dem die menschliche Stimme dennoch bar jeder Verzweiflung scheint, eher vertrauend, auch selbstbewusst. Das sich anschließende Flehen des Männerchores hat Elemente gregorianischen Gesangs und gipfelt in „And save me from bloody men.“ – Hilf mir gegen die Blutgierigen.

Die Kantorei hatte alles, was diese Noten an Leuchtkraft und Innigkeit brauchen: Eine differenzierte Dynamik, wohlgeführte Stimmen und eine perfekte Intonation. Mit ihrer vokalen Hingabe und Ausdruckskraft trugen die Sängerinnen und Sänger dazu bei, dass diese Konzertbegegnung zu einer hochinteressanten Irritation wurde.

An ihrer Seite stand ein Orchester – es wurde von Erik Matz für dieses Projekt zusammengestellt – das sogar in den Blechbläsern alle Ansprüche zu erfüllen wusste, dessen Stars die Männer an den Schlagwerken waren, deren Solisten (Streicherentree in Nummer zwölf oder Holzbläsersolo bei John Rutters Nummer drei) mit ihrem Spiel ans Herz griffen. Erik Matz dirigierte das Ganze mit energischem Zugriff und auf den Punkt.

Karl Jenkins` „bewaffneter Mann“ besitzt einen dramatischen Höhepunkt im instrumentalen Kriegsgeschrei der Nummer sieben („Angriff“). Selig sei der, der fürs Vaterland stirbt, heißt es im Text. Wirklich? Wäre es nicht besser, fürs Vaterland zu leben?

An der Grenze der aushaltbaren Lautstärke: der Atombombenabwurf und – Stille. Die folgende Beschreibung des Augenzeugen, die der Chor und die Solisten schlicht schildern, macht tief betroffen. Und wie der Text von 1945 dem aus den Jahren 400 v.Chr. („Mahábhárata“ – indisches Epos) ähnelt, lässt den Hörer fassungslos zurück.

Die 13 Abschnitte der Kantate (?) münden in ein „Better is peace“ – Frieden ist besser als ständiger Krieg. Die Glocken läuten die „Gier nach Gold“ hinaus- und „1000 Jahre Frieden“ ein. „Ring, ring, ring, ring“ schellt es im Text nach dem Sechsachtel eines Volkstanzes; es ist ein Wüten, ein Fordern, ein Hoffen.

Man mag den Abschluss textlich für unzeitgemäß halten, aber die Verse sind nun einmal Jahrhunderte alt. Statt „Gott wird abwischen alle Tränen“ sollte es heute heißen: „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.“ – Aber das ist Weltanschauungs-Ansichtssache!

Nach Karl Jenkins` Ansprüchen, die alle Mitwirkenden mit der ganzen Kraft eines Chores, bezwingend emotional im Instrumentalen und einer perfekten Leuchtkraft für Düsternis und Jubel erfüllten, schloss sich John Rutter „Mess fort he Children“ an. Diese Kindermesse ist populäre Harmonik, Kindertag eben. Ist leichte Muse, eingängiges Musical. Zudem instrumental an keiner Stelle so funktional aufregend wie bei Jenkins, sondern eher auf den Effekt aus. Außerdem verengt der Text die Welt aufs Ich („Gewähre mir deinen Segen.“), dominiert die Idylle.

Vielleicht hat sich Erik Matz mit diesem Anschluss keinen Gefallen getan, denn die Rutter-Noten verwässern die vorangegangene große Erschütterung. Wie dem trotzdem sei: Matz bändigte den Kinderchor, der für diese Melodien nötig waren und brachte zwei Stunden Konzert zu einem leisen, friedlichen Abschluss. Obwohl diese Welt den lautstarken Schrei nach Frieden nötiger hat.

BARBARA KAISER


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